"Es liegen in der
menschlichen Natur wunderbare Kräfte", erwiderte Goethe, "und eben
wenn wir es am wenigsten hoffen, hat sie etwas Gutes für uns in Bereitschaft.
Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in
meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu
beglücken, und ich stand am andern Morgen wieder frisch und froh auf den
Füssen.
Es geht uns alten Europäern
übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht; unsere Zustände sind viel
zu künstlich und zu kompliziert, unsere Nahrung und Lebensweise ist ohne die
rechte Natur, und unser geselliger Verkehr ohne eigentliche Liebe und
Wohlwollen. Jedermann ist fein und höflich, aber niemand hat den Mut, gemütlich
und wahr zu sein, so dass ein redlicher Mensch mit natürlicher Neigung und
Gesinnung einen recht bösen Stand hat. Man sollte oft wünschen, auf einer der
Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das
menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu geniessen.
Denkt
man sich in deprimierter Stimmung recht tief in das Elend unserer Zeit hinein,
so kommt es einem oft vor, als wäre die Welt nach und nach zum Jüngsten Tage
reif. Und das Uebel häuft sich von Generation zu Generation! Denn nicht genug,
dass wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern
auch diese geerbten Gebrechen, mit unsern eigenen vermehrt, unsern
Nachkommen."