Die vierte Classe ist (wie ich befürchte) viel weniger zahlreich
als die vorige; und nun werden wir gleich errathen, daß sie die beste ist. Sie
ist in der That die wahre Zierde der Erde, und wenn noch etwas auf derselben
ist, das englische Blicke herabholen kann, so ist es das Leben dieser
liebenswürdigen Menschen, welchen die Natur eine glückliche Anlage zu einer
harmonischen Gemüthsart, eine feine Empfindung des Schönen und edle Neigungen
zum Guten verliehen hat. Ohne einige Fähigkeiten in einem außerordentlichen
Grad zu haben, sind sie scharfsichtig genug, das Wahre von dem Schein zu
unterscheiden und durch die Verblendungen der Einbildungskraft, der
Leidenschaft und Gewohnheit hindurchzudringen. Die Tugend scheint ein
vorzügliches Recht an ihre Herzen zu haben. Sie verachten die Niederträchtigkeit
der Seele, die nur sich selbst liebt. Ihre Freude ist Gutes thun. Die Neigung
zum Vergnügen mag wohl hauptsächlich ihre Jugend beleben, sie wird aber von
einer gleich starken Liebe zur Ehre bewacht, und beide leiten sie nach und nach
zu den reinern Quellen der Tugend. Sie können irren, sie können durch eine unvorsichtige Neigung
geblendet oder auf Seitenwege gelockt werden. Aber ihr Herz ist keiner Bosheit,
keiner Tücke, keines Neides, keiner Niederträchtigkeit fähig; ihr offner
Verstand, die Güte ihres Gemüths, ihre Redlichkeit gegen sich selbst lassen sie
nie weit verirren, bringen sie bald wieder zurück und befördern sie immer
weiter. Diese allein sind zur Freundschaft und wahren Zärtlichkeit recht
aufgelegt. Für sie ist die Natur schön, für sie sind so viel feine und
beglückende Freuden in den Verbindungen der Gesellschaft. Sie genießen der Welt
mit Vernunft, aber sie sind nicht an sie gefesselt. – Wenn es wahr ist, daß
lebende Beispiele und redende Gemälde der Tugend mehr nutzen als moralische
oder metaphysische Dissertationen, so trägt gewiß diese kleine Anzahl von
thätigen Weisen, beiderlei Geschlechts, mehr zum wahren Vortheil der Menschen
bei, als die ganze unabsehbare Welt der speculativen Gelehrten.
Donnerstag, 1. Dezember 2016
Mich
dünkt, ich habe nun allen Sterblichen, so verschieden als sie immer scheinen
mögen, ihre Classen angewiesen, bis auf die sonderbaren und seltnen Geister,
die man über die übrigen Menschen so erhaben gefunden hat, daß man sie mit dem
Namen Genien zu unterscheiden pflegt, welcher sonst Wesen von höherer Ordnung
andeutet. Ihre Anzahl ist so groß, als es Gott zur Erhaltung der moralischen
Ordnung oder zur Züchtigung der Menschen nöthig findet. Denn es gibt gutthätige
und böse Genien. Beide kommen darin überein, daß sie ungewöhnliche Fähigkeiten
und, wenn ich so sagen darf, etwas Kolossalisches in der Gestalt ihres Geistes
haben. Von Jugend auf unterscheidet sie eine brennende Begierde zum Wissen; ein
Fleiß, den Hindernisse nur muthiger machen; eine Freiheit der Seele, die so
ungelehrig ist, das Joch zu tragen, daß sie manchmal auch die nothwendigen
Schranken überspringt; eine gewisse Begeisterung der Imagination, die ihnen
tausend unbekannte Ideen aufdeckt, und etwas Heldenmäßiges im Herzen, das sie
zu großen Thaten fähig macht. Durch die Entwicklung und Ausbildung dieser
großen Fähigkeiten vermittelst der Wissenschaften, des Nachsinnens, der
Kenntniß der Welt und der Erfahrung gelangen sie zuletzt zu dieser
durchdringenden Schärfe des Geistes und männlichen Stärke des Gemüths, welche
sie so sehr über die gemeinen Menschen hinwegsetzt.
Donnerstag, 24. November 2016
Der Kreis, worin solche Kräfte wirken sollen, muß nothwendig groß
seyn. Sie sind zu Gesetzgebern, zu Lehrern, zu Führern des menschlichen
Geschlechts bestimmt. Sie sollen das Ganze übersehen, für das Ganze sorgen. Von
ihnen sollen die Entwürfe herkommen, wie die Beschwerden der Menschen zu
verringern sind, und wie ihre Vortheile vermehrt werden können. Und eben, weil
die Hindernisse, die der Ausführung im Wege liegen, an Zahl und Gewicht so groß
sind, wurden sie mit so vieler Stärke, mit so weitsehenden hellen Einsichten,
mit einem so lebhaften Instinct zum Großen und Ruhmwürdigen, mit einem so
mächtigen Enthusiasmus versehen, damit sie den Menschen das Gute wirklich thun,
was schwächere, obgleich gutwillige Geister ihnen nur wünschen können.
Diejenigen unter diesen Genien, die ihrer Bestimmung getreu sind, sind den
englischen Schutzgeistern ähnlich, welche nach der frommen Meinung der Alten
über die Welt wachen, die Sphären regieren und den Befehl des Schöpfers diesseits
des Himmels vollziehen. Sie haben Alles, was den übrigen Menschen abgeht, um
sich selbst glücklich zu machen; sie sind zum Regieren, wie diese zum Gehorchen
gemacht. Sie vertreiben die Unwissenheit und bekriegen die Vorurtheile und
praktischen Irrthümer, tausendmal
schädlichere Ungeheuer als diejenigen, deren Vertilgung dem Hercules einen
Platz bei den griechischen Göttern verdiente. Sie bringen Licht, Wahrheit und
Ordnung ins menschliche Leben. Sie lehren oder bewachen die heiligen Gesetze
der Natur, welche die Quellen aller übrigen Gesetze sind. Sie bezähmen und
mildern die Wildheit und Härte der Menschen, verbessern, bilden und poliren
ihre Sitten; lehren sie das Anständige, das Edle, das Schöne – und so machen
sie gewisser Maßen die Fabel wahr, welche der zaubrischen Laute des Orpheus die
Kraft, wilde Thiere zu besänftigen, andichtete.
Wie traurig ist es, daß solche Fähigkeiten mißbraucht werden
können! daß solche Geister ihres Endzwecks verfehlen und von ihrer Hoheit
herabstürzen können; daß sie die wahre Ehre, Wohlthäter der Menschen zu seyn,
aus den Augen verlieren und, von dem falschen Schimmer einer eingebildeten
Göttlichkeit, von einer Chimäre, einem leeren Getön getäuscht, Zerstörer der
Welt werden können. Wenn ich einen Alexander nach Lorbeern rennen sehe, so
dünkt mich, ich sehe die Fähigkeit eines Engels Werke eines Insects verrichten.
Sollen so kleine, so niederträchtige Begierden in himmlische Seelen kommen?
Sich selbst beherrschen, ist die höchste Stufe der Hoheit. Wer dieß nicht kann,
hat das Recht verloren, sich der Regierung der Menschen anzumaßen. Wie
unglücklich ist es, wenn Helden unrichtig denken! Wie viel kommt es darauf an,
daß diese wissen, was wahrhaftig groß und ruhmwürdig ist. Wie nöthig ist es,
daß diese fühlen, daß sie von einem Höhern abhängen, daß seine Gesetze ihre
Richtschnur sind, daß sie ihm nur im Wohlthun ähnlich seyn können! Ein Genie,
der sich auf die schlimme Seite wendet, ein Erobrer, ein Zerstörer, ein Verführer der Menschen ist ein desto
häßlicheres Ungeheuer, je größer und liebenswürdiger er gewesen seyn würde,
wenn er in seiner gehörigen Laufbahn geblieben wäre. Ein gefallner Engel ist
tausendmal häßlicher, als der schlimmste Mensch.
Freitag, 18. November 2016
Die Liebe zum Ruhm hat eigentlich nur bei großen Seelen Statt und
wächst nur bei ihnen so groß, daß ihr alle übrige Neigungen Platz machen
müssen. Was man bei Leuten, die eigentlich in die Classe des Pöbels gehören,
Ruhmsucht und Ehrgeiz heißt, ist nur ein verkleideter Eigennutz; sie wünschen
angesehen und groß zu seyn, um niedrigen Begierden desto besser nachhängen zu
können. – Weil die Leidenschaften einmal die Winde sind, die uns in Bewegung
setzen, so seh' ich diesen edeln Ehrgeiz großer Geister für nöthig an, um sie
zu ihrer Bestimmung zu befördern und die Hindernisse zu überwinden. Wir sehen
aber aus der Geschichte, wie schädliche Stürme er hervorbringt, wenn ihn die
Vernunft nicht mäßigt und ihm die wahre Richtung gibt. Genien haben sich noch
nie mit Kleinigkeiten beschäftiget. Ihre Bemühungen interessiren immer den Menschen,
und das erstreckt sich bis auf ihre Spiele. Es gibt Leute, die in Kleinigkeiten
groß sind; sie gehören aber in die dritte Classe.
Wir haben nun die Menschen, wie sie wirklich sind, in ihren
verschiedenen Classen übersehen; und die Gradation verdient bemerkt zu werden,
die sich in denselben zeigt. Wir fanden unreife, ungebildete Menschen, und
dieser waren die meisten; Menschen, die nur die sinnlichen Vollkommenheiten
ausbilden; solche, welche nur Intelligenzen seyn wollen; eine kleine Zahl von
solchen, deren moralische Güte sie liebenswerth macht; und endlich ganz
ausgewickelte, und (soweit es diese Welt
verstattet) vollständige Menschen, welche daher große und majestätische
Geschöpfe seyn müssen. Wenn wir das Beste aus allen diesen Classen zusammennehmen,
so bekommen wir den Menschen, den ich anfangs geschildert habe. Und so habe ich
einen Theil meiner Absicht erreicht.
Das menschliche Geschlecht hat
also unstreitig eine sehr schöne Seite. Aber was wollen wir uns schmeicheln?
Sie wird von der häßlichen fast ganz verdunkelt. Ich erröthe, ich erschrecke,
wenn ich die unzähligen Ausbrüche des Unsinns, die schwarzen Thaten, die
Schande, womit so viele Menschen ihr Geschlecht gebrandmarkt haben, überdenke;
wenn ich die Zahl und die Größe der Uebel bedenke, die uns drücken. Regellose,
thierische Leidenschaften, die am gefährlichsten werden, wenn sie der Witz in
seinen Schutz nimmt; niederträchtige Selbstheit, die alles in ihren Strudel
hineinzieht, was sie erreichen kann; Vergessenheit der heiligsten, unwidersprechlichsten
Pflichten, die wir gegen unsern Schöpfer und Oberherrn, gegen die Welt und die
menschliche Gesellschaft haben; schändliche Heuchelei, womit man den
Allwissenden selbst zu betrügen glaubt; Aberglauben, der der Ruhe und Ordnung
des menschlichen Geschlechts allein mehr geschadet hat, als alle übrige Laster;
Tyrannen und willkürliche Gewalt – mit einem Wort, ein so tiefer Grad der
Unordnung, daß ich mir, unmittelbar unter demselben, nichts Anderes als ein
moralisches Chaos denken kann.
Der größte Haufen sind Sklaven,
willenlose, gebundene, mißhandelte Sklaven; Sklaven der willkürlichen Gewalt,
der Schwärmerei, der Gewohnheit und, was das Aergste ist, ihrer eigenen
Unvernunft und ihrer Leidenschaften. Ohne diese innerliche Sklaverei hätten
jene Ungeheuer keine Gewalt über sie. Und
was thun diese großen königlichen Geister, diese Genien, von denen man
so viel erwarten sollte? Die meisten mißbrauchen ihre Obermacht, jene elenden
und verführten Sklaven noch tiefer ins Verderben hineinzuführen, und glauben es
am besten gemacht zu haben, wenn sie die Unglücklichen bereden können,
freiwillig an die Schlachtbank zu gehen oder wenigstens angenehm zu träumen,
wenn sie wachend unglücklich sind. – Und diese scharfsichtigen denkenden Köpfe,
welche die Geschicklichkeit hätten, die Größe unsers Elends, seine Quellen und
die dienlichsten Gegenmittel auszuspähen? – Sie zählen den Sand des Meers,
messen das Unermeßliche, wühlen im Eingeweide der Natur herum, als ob alle
wichtige Geschäfte schon gethan wären, und bringen ihr Leben mit
Spitzfindigkeiten zu, deren größter Werth ist, daß sie dadurch abgehalten
werden, etwas Schlimmeres zu thun. – Wie kränkend sind diese nur allzu
gegründeten Betrachtungen für ein Herz, das ein Gefühl für das Wohl oder Elend
seiner Mitgeschöpfe hat!
Samstag, 5. November 2016
»Sie haben recht«, versetzte
er mit einiger Verlegenheit, »der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste
und sollte ihn vielleicht ganz allein interessieren. Alles andere, was uns
umgibt, ist entweder nur Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir
uns bedienen. Je mehr wir uns dabei aufhalten, je mehr wir darauf merken und
teil daran nehmen, desto schwächer wird das Gefühl unsers eignen Wertes und das
Gefühl der Gesellschaft. Die Menschen, die einen großen Wert auf Gärten,
Gebäude, Kleider, Schmuck oder irgendein Besitztum legen, sind weniger gesellig
und gefällig; sie verlieren die Menschen aus den Augen, welche zu erfreuen und
zu versammeln nur sehr wenigen glückt. Sehn wir es nicht auch auf dem Theater?
Ein guter Schauspieler macht uns bald eine elende, unschickliche Dekoration
vergessen, dahingegen das schönste Theater den Mangel an guten Schauspielern
erst recht fühlbar macht.«
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