... und hiemit sey diese widerliche Frage
vorerst abgethan.
Welcher Mensch, welche Gesellschaft dürfte
vergleichen aussprechen, da man ja von Jugend auf nicht leicht jemand kennen
und die Steigerung seiner Thätigkeit beurtheilen wird. Wodurch bethätigt sich
denn zuletzt der Charakter, als daß er sich in der Tagesbewegung, im Hin- und
Widerwirken bildet. Wer unterstünde sich den Werth der Zufälligkeiten, der
Anstöße, der Nachklänge zu bestimmen, wer getraute sich die
Wahlverwandtschaften zu würdigen. Genug, wer sich untersteht zu schätzen, was
der Mensch ist, der müßte in Anschlag bringen, was er war und wie er's geworden
ist. Solche allgemeine Unverschämtheiten haben wir gar oft schon erlebt, sie
kehren immer zurück und müssen gedultet werden.
Dieß hab ich bey Gelegenheit jener
Unternehmungen gedacht, und ich zweifle nicht, daß haben noch gar manches
Andere zu denken seyn möchte. Von der neusten französichen Rommanlectüre und
ihrem nächsten Kreise will ich nur so viel sagen: es ist eine Literatur der
Verzweiflung, woraus nach und alles Wahre, Ästhetische sich von selbst
verbannt. Notre Dame de Paris von Victor Hugo besticht durch das Verdienst
fleißiger wohlgenutzter Studien der alten Localitäten, Sitten und Ereignissen;
aber in den handelnden Figuren ist durchaus keine Spur von Naturlebendigkeit.
Es sind Lebens untheilhafte Gliedermänner und – Weiber, nach ganz geschickten
Proportionen aufgebaut, aber außer dem hölzernen und stählernen Knochengerüste
durchaus nur ausgestopfte Puppen, mit welchen der Verfasser auf das
unbarmherzigste umgeht, sie in die seltsamsten Posituren renkt und verrenkt,
sie foltert und durchpeitscht, geistig und leiblich zerfleischt, freylich ein
Nichtfleisch ohne Barmherzigkeit zerfetzt und in Lappen zerreißt; doch das
alles geschieht mit dem entschiedenen historisch-rhetorischen Talent, dem man
eine lebhafte Einbildungskraft nicht absprechen kann, ohne die er solche
Abominationen gar nicht hervorbringen könnte.
So viel ist gewiß und haben Sie, als ein
Doctor longe experientissimus, vollkommen recht, daß eine dergleichen mäßige
Bewegung, das Gemüth erfrischt und den Körper in ein köstliches Gleichgewicht
bringt. Wie ich solches in meinem Leben mehr als einmal erfahren, dagegen auch
die Unbequemlichkeit gespürt habe, wenn ich mich von dem breiten Wege, auf dem
engen Pfad der Enthaltsamkeit und Sicherheit einleiten wollte.
Es war mein Vorsatz, Ihnen heute meinen Glückwunsch zum
Geburtstag selbst zu überbringen, aber weil ich zu spät aufstand und mich auch
nicht wohl fühlte, so mußte das gute Vorhaben für heute aufgegeben werden. Wir
haben aber mit herzlicher Teilnehmung Ihrer gedacht, und uns besonders der
Erinnerung an alles das Gute überlassen, was durch Sie bei uns gegründet worden
ist.
Goethe schrieb kurze Zeit nach der Einweihung (1825) seinem Dienstherrn, Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach: »Das Gebäude bewirkt schon selbst Kultur, wenn man es von außen ansieht und hineintritt. Die rohsten Kinder, die solche Treppen auf- und abgehen, durch solche Vorräume durchlaufen, in solchen heiteren Sälen Unterricht empfangen, sind schon auf der Stelle aller düstern Dummheit entrückt und sie können einer heitern Tätigkeit ungehindert entgegengehen.«