»O,
meine Freundin«, fiel Wilhelm ein, »könnten Sie doch aufhören, selbst den Dolch
zu schärfen, mit dem Sie sich unablässig verwunden! Bleibt Ihnen denn nichts?
Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre Gesundheit, sind Ihre Talente nichts?
Wenn Sie ein Gut ohne Ihr Verschulden verloren haben, müssen Sie denn alles
übrige hinterdrein werfen? Ist das auch notwendig?«
Dienstag, 28. Juli 2020
Dienstag, 21. Juli 2020
Sie schwieg einige
Augenblicke, dann fuhr sie auf: »Ich weiß es wohl, daß es Zeitverderb ist,
nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was hätte ich nicht tun können! tun
sollen! Nun ist alles rein zu nichts geworden. Ich bin ein armes, verliebtes
Geschöpf, nichts als verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott, ich bin
ein armes Geschöpf!«
Er faßte sie bei der Hand und
bat sie auf das inständigste, sich nicht selbst aufzureiben. »O«, sagte er,
»wie sonderbar ist es, daß dem Menschen nicht allein so manches Unmögliche,
sondern auch so manches Mögliche versagt ist. Sie waren nicht bestimmt, ein
treues Herz zu finden, das Ihre ganze Glückseligkeit würde gemacht haben. Ich
war dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine Unglückliche
festzuknüpfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr zu Boden zog,
ja vielleicht gar zerbrach.«
Er pflegte zu sagen: »Der
Mensch ist so geneigt, sich mit dem Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne
stumpfen sich so leicht gegen die Eindrücke des Schönen und Vollkommnen ab, daß
man die Fähigkeit, es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte.
Denn einen solchen Genuß kann niemand ganz entbehren, und nur die
Ungewohntheit, etwas Gutes zu genießen, ist Ursache, daß viele Menschen schon
am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergnügen finden. Man
sollte«, sagte er, »alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes
Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen
wäre, einige vernünftige Worte sprechen.«
Donnerstag, 16. Juli 2020
Dienstag, 7. Juli 2020
Wir sprachen über
Leute, die, ohne eigentliches Talent, zur Productivität gerufen werden, und
über andere, die über Dinge schreiben, die sie nicht verstehen.
»Das Verführerische für junge Leute,« sagte Goethe, »ist dieses. Wir leben in einer Zeit, wo so viele Cultur verbreitet ist, daß sie sich gleichsam der Atmosphäre mitgetheilt hat, worin ein junger Mensch athmet. Poetische und philosophische Gedanken leben und regen sich in ihm, mit der Lust seiner Umgebung hat er sie eingesogen, aber er denkt, sie wären sein Eigenthum, und so spricht er sie als das Seinige aus. Nachdem er aber der Zeit wiedergegeben hat, was er von ihr empfangen, ist er arm. Er gleicht einer Quelle, die von zugetragenem Wasser eine Weile gesprudelt hat, und die aufhört zu rieseln, sobald der erborgte Vorrath erschöpft ist.«
»Das Verführerische für junge Leute,« sagte Goethe, »ist dieses. Wir leben in einer Zeit, wo so viele Cultur verbreitet ist, daß sie sich gleichsam der Atmosphäre mitgetheilt hat, worin ein junger Mensch athmet. Poetische und philosophische Gedanken leben und regen sich in ihm, mit der Lust seiner Umgebung hat er sie eingesogen, aber er denkt, sie wären sein Eigenthum, und so spricht er sie als das Seinige aus. Nachdem er aber der Zeit wiedergegeben hat, was er von ihr empfangen, ist er arm. Er gleicht einer Quelle, die von zugetragenem Wasser eine Weile gesprudelt hat, und die aufhört zu rieseln, sobald der erborgte Vorrath erschöpft ist.«
Montag, 22. Juni 2020
»Wenn man alt ist,«
sagte er, »denkt man über die weltlichen Dinge anders, als da man jung war. So
kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Dämonen, um die Menschheit
zu necken und zum besten zu haben, mitunter einzelne Figuren hinstellen, die so
anlockend sind, daß jeder nach ihnen strebt, und so groß, daß niemand sie
erreicht. So stellten sie den Rafael hin, bei dem Denken und Thun gleich
vollkommen war; einzelne treffliche Nachkommen haben sich ihm genähert, aber
erreicht hat ihn niemand. So stellten sie den Mozart hin als etwas
Unerreichbares in der Musik. Und so in der Poesie Shakespeare. Ich weiß, was
Sie mir gegen diesen sagen können, aber ich meine nur das Naturell, das große
Angeborene der Natur. So steht Napoleon unerreichbar da.«
»Da die Conception so
alt ist,« sagte Goethe, »und ich seit funfzig Jahren darüber nachdenke, so hat
sich das innere Material so sehr gehäuft, daß jetzt das Ausscheiden und Ablehnen
die schwere Operation ist. Die Erfindung des ganzen zweiten Theils ist wirklich
so alt wie ich sage. Aber daß ich ihn erst jetzt schreibe, nachdem ich über die
weltlichen Dinge so viel klarer geworden, mag der Sache zu gute kommen. Es geht
mir damit wie einem, der in seiner Jugend sehr viel kleines Silber und
Kupfergeld hat, das er während dem Lauf seines Lebens immer bedeutender
einwechselt, sodaß er zuletzt seinen Jugendbesitz in reinen Goldstücken vor
sich sieht.«
Donnerstag, 11. Juni 2020
»Die Menge, die
Majorität, ist nothwendig immer absurd und verkehrt; denn sie ist bequem, und
das Falsche ist stets viel bequemer als die Wahrheit. Letztere will ernst
erforscht und rücksichtslos angeschaut und angewendet sein. Das Falsche aber
schmiegt sich an jede träge, bequeme oder thörichte Individualität an, ist wie
ein Firniß, mit dem man leicht alles übertüncht.«
»Wenn man in und für
die Zeit schreibt, ist es gar zu unangenehm, zu finden, daß man nichts auf sie
wirkt. Ja wenn man Schiller's und meinen Briefwechsel liest, da findet man
wohl, daß diese Kerls es sich ganz anders sauer werden, ganz höllisch ernst
sein ließen. Und man wundert sich, daß sie sich so viele Mühe geben mochten;
die albernen Burschen dachten nach, suchten sich Alles klar zu machen, Theorien
von dem, was sie geschaffen hatten, zu ergrübeln; hätten es sich leichter
machen können und lieber was Frisches schaffen.«
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