Berlin, den 31. März 1832.
Erst heute, verehrtester Mann, kann ich Ihnen für die freundschaftlichste Theilnahme danken, von welcher Art auch die Gelegenheit diesmal seyn mag.
Was zu erwarten, zu fürchten war, mußte ja kommen. Die Stunde hat geschlagen.
Der Weiser steht wie die Sonne zu Gibeon, denn siehe auf seinen Rücken
hingestreckt liegt der Mann, der auf Säulen des Hercules das Universum
beschritt, wenn unter ihm die Mächte der Erde um den Staub eiferten unter ihren
Füßen.
Was kann ich von mir sagen? zu Ihnen? zu allen dort? und überall? – Wie Er
dahinging vor mir, so rück' ich Ihm nun täglich näher und werd' ihn einholen,
den holden Frieden zu verewigen, der so viel Jahre nach einander den Raum von
sechsunddreyßig Meilen zwischen uns erheitert und belebt hat.
Nun hab' ich die Bitte: hören Sie nicht auf, mich Ihrer freundschaftlichen
Mittheilungen zu würdigen. Sie werden ermessen, was ich wissen darf, da Ihnen
das niemals gestörte Verhältnis zweyer, im Wesen stets einigen, wenn auch dem
Inhalte nach weit von einander entfernten Vertrauten bekannt ist. Ich bin wie
eine Wittwe, die ihren Mann verliert, ihren Herrn und Versorger! Und doch darf
ich nicht trauern; ich muß erstaunen über den Reichthum, den er mir zugebracht
hat. Solchen Schatz hab' ich zu bewahren und mir die Zinsen zu Capital zu
machen.
Verzeihen Sie, edler Freund! ich soll ja nicht klagen, und doch wollen die
alten Augen nicht gehorchen und Stich halten. Ihn aber habe ich auch einmal
weinen sehn, das muß mich rechtfertigen.
Zelter.
(Karl Friedrich Zelter an Kanzler von Müller)

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