Mittwoch, 18. Juni 2025
Samstag, 14. Juni 2025
Sie umschlang ihn mit den ihrigen und drückte ihn auf das zärtlichste an ihre Brust. Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel fällt, über ihre Häupter weg. Sie wähnten, sie glaubten einander anzugehören; sie wechselten zum erstenmal entschiedene, freie Küsse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich.
Montag, 9. Juni 2025
Das Frauenzimmer kam ihnen auf einem Paar leichten Pantöffelchen mit hohen Absätzen aus der Stube entgegengetreten. Sie hatte eine schwarze Mantille über ein weißes Negligé geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehn gab; ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten Füße von der Welt sehen.
Sonntag, 8. Juni 2025
Wir sprachen sodann über die Einheit Deutschlands, und in welchem Sinne
sie möglich und wünschenswert.
»Mir ist nicht bange,« sagte Goethe, »daß Deutschland nicht eins werde;
unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige thun.
Vor allem aber sei es eins in Liebe untereinander, und immer sei es eins gegen
den auswärtigen Feind; es sei eins, daß der deutsche Thaler und Groschen im
ganzen Reiche gleichen Werth habe; eins, daß mein Reisekoffer durch alle
sechsunddreißig Staaten ungeöffnet passiren könne. Es sei eins, daß der
städtische Reisepaß eines weimarischen Bürgers von dem Grenzbeamten eines
großen Nachbarstaats nicht für unzulänglich gehalten werde, als der Paß eines
Ausländers. Es sei von Inland und Ausland unter deutschen Staaten überall keine
Rede mehr. Deutschland sei ferner eins in Maß und Gewicht, in Handel und
Wandel, und hundert ähnlichen Dingen, die ich nicht alle nennen kann und mag.
Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das
sehr große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese eine große
Residenz wie zum Wohl der Entwickelung einzelner großer Talente, so auch zum
Wohl der großen Masse des Volks gereiche, so ist man im Irrthum.
Man hat einen Staat wohl einem lebendigen Körper mit vielen Gliedern
verglichen, und so ließe sich wohl die Residenz eines Staates dem Herzen
vergleichen, von welchem aus Leben und Wohlsein in die einzelnen nahen und
fernen Glieder strömt. Sind aber die Glieder sehr ferne vom Herzen, so wird das
zuströmende Leben schwach und immer schwächer empfunden werden. Ein
geistreicher Franzose, ich glaube Dupin, hat eine Karte über den Kulturzustand
Frankreichs entworfen und die größere oder geringere Aufklärung der
verschiedenen Departements mit hellern oder dunklern Farben zur Anschauung
gebracht. Da finden sich nun besonders in südlichen, weit von der Residenz
entlegenen Provinzen einzelne Departements, die in ganz schwarzer Farbe
daliegen, als Zeichen einer dort herrschenden großen Finsterniß. Würde das aber
wohl sein, wenn das schöne Frankreich statt des einen großen
Mittelpunktes zehn Mittelpunkte hätte, von denen Licht und Leben ausginge?
Wodurch ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige
Volkskultur, die alle Theile des Reichs gleichmäßig durchdrungen hat? Sind es
aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht und welche ihre
Träger und Pfleger sind? Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten
nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich
doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stände, ja auch um einen überall
verbreiteten Wohlstand, der mit der Kultur Hand in Hand geht.»
«Deutschtand hat über zwanzig im ganzen Reiche vertheilte Universitäten und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß da, ja es ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hatte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich?
Und wiederum die Menge deutscher Theater, deren Zahl über siebzig
hinausgeht, und die doch auch als Träger und Beförderer höherer Volksbildung
keineswegs zu verachten. Der Sinn für Musik und Gesang und ihre Ausübung ist in
keinem Lande verbreitet wie in Deutschland, und daß ist auch etwas!
Nun denken Sie aber an Städte wie Dresden, München, Stuttgart, Kassel,
Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an die großen Lebenselemente,
die diese Städte in sich selber tragen; denken Sie an die Wirkungen, die von
ihnen aus die benachbarten Provinzen ausgehen: und fragen Sie sich, ob das
alles sein würde, wenn Sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten
gewesen?
Frankfurt, Bremen, Hamburg, Lübeck sind groß und glänzend, ihre
Wirkungen aus den Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen: würden sie
aber wohl bleiben was sie sind, wenn sie ihre eigene Souveränetät verlieren und
irgend einem großen deutschen Reiche als Provinzialstädte einverleibt werden
sollten? Ich habe Ursache, daran zu zweifeln.«
Freitag, 30. Mai 2025
Donnerstag, 22. Mai 2025
Schon manchmal hab ich bedacht, wie wir beiden gleichsam an die entgegengesetzten Enden der socialen Welt angewiesen sind; du, in die kreiselnde Bewegung einer volkreichen Königstadt verschlungen, hast alles persönlich zu bestehen, unterrichtest und lehrst, gibst und genießest, arbeitest und vollbringst, versammelst und diridirt, gebietest und herrschest und was nicht alles; hiezu noch der Familiencirkel und fremde Gelage gerechnet, da gibt es denn schon etwas auszuhalten. Indessen ich einsam, wie Merlin vom leuchtenden Grabe her, mein eignes Echo ruhig und gelegentlich, in der Nähe, wohl auch in die Ferne vernehmen lasse. Von dieser Betrachtung laß uns zum gemeinsamen, nciht unbedeutenden Geschäft hinüber gehen, zu dessen völliger Einleitung ich nächstens einen Aufsatz vorlege, ihn, der weiteres Vorschreiten befördern wird, deiner Einstimmung empfehlend. Der getreue Eckart ist mir von großer Beyhülfe. reinen und redlichen Gesinnungen treu, wächst er täglich an Kenntniß, Ein- und Übersicht und bleibt, wegen fördern Theilnahme, ganz unschätzbar; so wie Riemer, von seiner Seite, durch gesellige Berichtigung, Reinigung, Revision und Abschluß der Manuscripte, so wie der Druckbogen mir Arbeit und Leben erleichtert. Möge uns beiden so viel Kraft und Behagen verliehen seyn, um bis an's Ende wirksam auszudauern.
Deshalb denn, manchmal zurückschauend, in diesem
Gänsespiel getrost Vorwärts.
Weimar den 14. December 1830.
J. W. v. Goethe.

