Freitag, 8. Januar 2021

Hier trat eine Pause ein. Ich schwieg still, weil ich, was ich etwa zu sagen vermocht hätte, nicht zu sagen wagte, und weil ich auch diesem Manne gegenüber in der That sehr bewegt war. Bald fuhr Goethe fort:

«Glauben Sie ja nicht, daß ich gleichgültig wäre gegen die großen Ideen Freiheit, Volk, Vaterland. Nein! diese Ideen sind in uns; sie sind ein Theil unsers Wesens, und niemand vermag sie von sich zu werfen. Auch liegt mir Deutschland warm am Herzen; ich habe oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im Einzelnen und so miserabel im Ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit andern Völkern erregt uns peinliche Gefühle, über welche ich auf jegliche Weise hinwegzukommen suche, und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber hinwegzuheben vermag; denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität. Aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und ersetzt das stolze Bewußtsein nicht, einem großen, starken, geachteten und gefürchteten Volke anzugehören. In derselben Weise tröstet auch nur der Gedanke an Deutschlands Zukunft; ich halte ihn so fest, als Sie, diesen Glauben. Ja, das deutsche Volk verspricht eine Zukunft, hat eine Zukunft. Das Schicksal der Deutschen ist – mit Napoleon zu reden – noch nicht erfüllt. Hätten sie keine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als das römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zu Grunde gegangen sein; da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine große Zukunft haben, eine Bestimmung, welche umsoviel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römischen Reiches und der Gestaltung des Mittelalters, als ihre Bildung jetzt höher steht. Aber die Zeit, die Gelegenheit, vermag ein menschliches Auge nicht vorauszusehen und menschliche Kraft nicht zu beschleunigen oder herbeizuführen. Uns einzelnen bleibt inzwischen nur übrig, einem jeden nach seinen Talenten, seiner Neigung und seiner Stellung, die Bildung des Volkes zu mehren, zu stärken und durch dasselbe zu verbreiten nach allen Seiten und wie nach unten, so auch, und vorzugsweise, nach oben, damit es nicht zurückbleibe hinter den andern Völkern, sondern wenigstens hierin voraufstehe, damit der Geist nicht verkümmere, sondern frisch und heiter bleibe, damit es nicht verzage, nicht kleinmüthig werde, sondern fähig bleibe zu jeglicher großen That, wenn der Tag des Ruhmes anbricht.»   

Dieser ist von der Gnade Ihrer Majestät, womit ihn Allerhöchstdieselbe auszeichnet, so lebhaft durchdrungen, dass er mehrmals erklärt hat: Er würde mit Vergnügen für diese göttliche Frau sein Leben wagen.

Freitag, 1. Januar 2021

Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts   


Mittwoch, 30. Dezember 2020

Kurz, obgleich er sich sehr krank fühlt, so ist er dennoch gefasst wie immer, und betrachtet das Treiben der Ärzte, als wären es Experimente, die sie an einem Fremden machen. „Probiert nur immer“, sagte er, „der Tod steht an allen Ecken und breitet seine Arme nach mir aus, aber lasst Euch nicht stören.“

Dienstag, 29. Dezember 2020

Schon Schiller habe 1802 an Humboldt geschrieben: »wenn Goethe nur einen Funken Glauben hätte, so würden manche Sachen hier sich bessern lassen p.«

Samstag, 19. Dezember 2020

Mir ist es wundersam und rührend zu sehen was wir für arme Narren sind, die wir es so bitter ernst nehmen und doch sind wir, im besten Sinne, Narren in unserm Sack.  

Mittwoch, 16. Dezember 2020

 »Es geht mir ungünstig mit der neuesten deutschen Literatur,« sagte ich.     

Dienstag, 15. Dezember 2020

Biskuit und schöne Trauben wurden zum Nachtisch aufgetragen. Letztere waren aus der Ferne gesendet, und Goethe tat geheimnisvoll, woher sie gekommen. Er verteilte sie und reichte mir eine sehr reife über den Tisch. »Hier, mein Guter,« sagte er, »essen Sie von diesen Süßigkeiten und sei'n Sie vergnügt.« Ich ließ mir die Traube aus Goethes Händen wohlschmecken und war nun mit Leib und Seele völlig in seiner Nähe.  

Samstag, 5. Dezember 2020

Der Mensch wird überhaupt genug durch seine Leidenschaften und Schicksale verdüstert, als daß er nöthig hätte, dieses noch durch die Dunkelheiten einer barbarischen Vorzeit zu thun. Er bedarf der Klarheit und der Aufheiterung, und es thut ihm noth, daß er sich zu solchen Kunst- und Literaturepochen wende, in denen vorzügliche Menschen zu vollendeter Bildung gelangten, sodaß es ihnen selber wohl war und sie die Seligkeit ihrer Cultur wieder auf andere auszugießen im Stande sind.   

Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen.