Der Dichter steht
viel zu hoch, als dass er Partei machen sollte. Heiterkeit und Bewusstsein sind
die schönen Gaben, für die er dem Schöpfer dankt: Bewusstsein, dass er vor dem
Furchtbaren nicht erschrecke, Heiterkeit, dass er alles erfreulich darzustellen
wisse.
Sonntag, 11. Dezember 2022
Donnerstag, 8. Dezember 2022
… hier sehen wir den ersten Diplomaten des Jahrhunderts, in der grössten Ruhe, sitzend und alle Zufälligkeiten des Augenblicks gelassen erwartend. Umgeben von einem höchst anständigen, aber nicht prunkhaften Zimmer finden wir ihn im schicklichen einfachen Hofkleide, den Degen an der Seite, den Federhut nicht weit hinterwärts auf dem Canapé liegend, eben als erwarte der Geschäftsmann die Meldung des Wagens, um zur Conferenz zu fahren; den linken Arm auf die Tischlehne gelehnt, in der Nähe von Papier, Schreibzeug und Feder, die Rechte im Schoos, den rechten Fuss über den linken geschlagen, erscheint er vollkommen impassibel. Wir erwehrten uns nicht des Andenkens an die Epikurischen Gottheiten, welche da wohnen „wo es nicht regnet noch schneiet noch irgend ein Sturm weht“; so ruhig sitzt hier der Mann, unangefochten von allen Stürmen, die um ihn her sausen. Begreifen lässt sich, dass er so aussieht, aber nicht wie er es aushält. Sein Blick ist das Unerforschlichste; er sieht vor sich hin, ob er aber den Beschauer ansieht, ist zweifelhaft …. Genug, wir mögen hier physiognomisieren und deuten wie wir wollen, so finden wir unsere Einsicht zu kurz, unsre Erfahrung zu arm, unsre Vorstellung zu beschränkt, als dass wir uns von einem solchen Wesen einen hinlänglichen Begriff machen könnten.
Samstag, 26. November 2022
Samstag, 19. November 2022
Sooft er die Gräfin anblickte, schien es
ihm, als wenn ein elektrischer Funke sich vor seinen Augen zeigte; er wußte
zuletzt nicht mehr, wo er Atem zu seiner Rezitation hernehmen solle. Die schöne
Dame hatte ihm immer gefallen; aber jetzt schien es ihm, als ob er nie etwas
Vollkommneres gesehen hätte, und von den tausenderlei Gedanken, die sich in
seiner Seele kreuzten, mochte ungefähr folgendes der Inhalt sein:
Wie töricht lehnen sich doch so viele Dichter und sogenannte gefühlvolle Menschen gegen Putz und Pracht auf und verlangen nur in einfachen, der Natur angemessenen Kleidern die Frauen alles Standes zu sehen. Sie schelten den Putz, ohne zu bedenken, daß es der arme Putz nicht ist, der uns mißfällt, wenn wir eine häßliche oder minder schöne Person reich und sonderbar gekleidet erblicken; aber ich wollte alle Kenner der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie wünschten, etwas von diesen Falten, von diesen Bändern und Spitzen, von diesen Puffen, Locken und leuchtenden Steinen wegzunehmen. Würden sie nicht fürchten, den angenehmen Eindruck zu stören, der ihnen hier so willig und natürlich entgegenkommt? Ja, »natürlich« darf ich wohl sagen! Wenn Minerva ganz gerüstet aus dem Haupte des Jupiter entsprang, so scheinet diese Göttin in ihrem vollen Putze aus irgendeiner Blume mit leichtem Fuße hervorgetreten zu sein.
Donnerstag, 10. November 2022
So sehr ich, wie billig, von der Partei
der Christen war, stand ich doch der heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei,
als sie unternahm, den großen Turm der Belagerer anzuzünden. Und wie nun
Tankred dem vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter der düstern Hülle
der Streit beginnt und sie gewaltig kämpfen. – Ich konnte nie die Worte
aussprechen:
‚Allein das Lebensmaß Chlorindens ist nun voll,
Und ihre Stunde
kommt, in der sie sterben soll!’
dass mir nicht die Tränen in die Augen kamen, die reichlich flossen, wie der unglückliche Liebhaber ihr das Schwert in die Brust stößt, der Sinkenden den Helm löst, sie erkennt und zur Taufe bebend das Wasser holt.
