Donnerstag, 12. März 2020
«Eine eigene Zaubergewalt,» sagte ich, «mußte er in seiner Persönlichkeit haben, daß die Menschen ihm sogleich zufielen und anhingen und sich von ihm leiten ließen.»
«Allerdings,» sagte Goethe, «war seine Persönlichkeit eine überlegene. Die Hauptsache aber bestand darin, daß die Menschen gewiß waren, ihre Zwecke unter ihm zu erreichen. Deshalb fielen sie ihm zu, sowie sie es jedem thun, der ihnen eine ähnliche Gewißheit einflößt. Fallen doch die Schauspieler einem neuen Regisseur zu, von dem sie glauben, daß er sie in gute Rollen bringen werde. Dies ist ein altes Märchen, das sich immer wiederholt; die menschliche Natur ist einmal so eingerichtet. Niemand dient einem andern aus freien Stücken, weiß er aber, daß er damit sich selber dient, so thut er es gern. Napoleon kannte die Menschen zu gut, und er wußte von ihren Schwächen den gehörigen Gebrauch zu machen.»
Donnerstag, 5. März 2020
Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter.
Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner inneren Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.
Freitag, 28. Februar 2020
An Carl Ludwig von
Knebel. Mayland d. 24. May 88.
… Erst heute hat mich die Mineralogie wieder
einmal angelächelt. Ich war beym Vater Pini und sah seine Berge kristallisirten
Feldspaths und ward wieder einmal nach einem Stück Stein lüstern. Er hat mir
einiges versprochen, es ist ein guter behaglicher Mann.
Freitag, 21. Februar 2020
An den Herzog Carl
August
Rom d. 29. Dec.
87.
Von allen Seiten
höre ich daß es Ihnen wohl geht, daß Sie im Haag vergnügt sind und der
Kriegshimmel sich aufgeheitert hat. Das Glück bey Frauen das Ihnen niemals
gefehlt hat, wird Sie auch in Holland nicht verlassen und Sie dafür schadloß
halten, daß Sie die schöne Emilie in Ihrem Hause versäumt haben.
Mich hat der süße
kleine Gott in einen bösen Weltwinckel relegirt. Die öffentlichen Mädchen der
Lust sind unsicher wie überall. Die Zitellen (unverheurathete Mädchen) sind
keuscher als irgendwo, sie lassen sich nicht anrühren und fragen gleich, wenn
man artig mit ihnen thut: e che concluderemo? Denn entweder man soll sie
heurathen oder sie verheurathen und wenn sie einen Mann haben, dann ist die
Messe gesungen. Ja man kann fast sagen, daß alle verheurathete Weiber dem zu
Gebote stehn, der die Familie erhalten will. Das sind denn alles böse
Bedingungen und zu naschen ist nur bey denen, die so unsicher sind als
öffentliche Creaturen. Was das Herz betrifft; so gehört es gar nicht in die
Terminologie der hiesigen Liebeskanzley.
Nach diesem
Beytrag zur statistischen Kenntniß des Landes werden Sie urtheilen, wie knapp
unsre Zustände seyn müßen und werden ein sonderbar Phenomen begreifen, das
ich nirgends so starck als hier gesehen habe, es ist die Liebe der Männer
untereinander. Vorausgesetzt daß sie selten biß zum höchsten Grab der
Sinnlichkeit getrieben wird, sondern sich in den mittlern Regionen der Neigung
und Leidenschafft verweilt; so kann ich sagen, daß ich die schönsten
Erscheinungen davon, welche wir nur aus griechischen Überlieferungen haben, hier mit eignen Augen sehen und als ein
aufmercksamer Naturforscher, das phisische und moralische davon beobachten
konnte. Es ist eine Materie von der sich kaum reden, geschweige schreiben läßt,
sie sey also, zu künftigen Unterhaltungen aufgespart.
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