Der junge Revanne hörte noch zu, da sie schon ausgesprochen hatte. Er stand wie vom Blitz getroffen; Tränen öffneten zuletzt seine Augen, und in dieser Rührung lief er zur Tante, zum Vater, ihnen zu sagen: Mademoiselle gehe weg, Mademoiselle sei ein Engel, oder vielmehr ein Dämon, herumirrend in der Welt, um alle Herzen zu peinigen. Aber die Pilgerin hatte so gut sich vorgesehen, daß man sie nicht wiederfand. Und als Vater und Sohn sich erklärt hatten, zweifelte man nicht mehr an ihrer Unschuld, ihren Talenten, ihrem Wahnsinn. So viel Mühe sich auch Herr von Revanne seit der Zeit gegeben, war es ihm doch nicht gelungen, sich die mindeste Aufklärung über diese schöne Person zu verschaffen, die so flüchtig wie die Engel und so liebenswürdig erschienen war.
Donnerstag, 16. Juli 2026
Die
Frage Wilhelms: wann man ihm aufwarten könne? ward durch die Nachricht
beantwortet: der Herr sei, nach seiner Gewohnheit, ganz früh weggeritten. Er
pflege zu sagen: Aufmerksamkeit ist das Leben! – Sie werden diesen und andere
Sprüche, in denen er sich bespiegelt, in den Feldern über den Türen
eingeschrieben sehen, wie wir hier zum Beisüpiel gleich antreffen: Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen.
Donnerstag, 9. Juli 2026
Nun
suchten die Schwestern durch Aufrichtigkeit und Mitteilung das Vertrauen des
schweigsamen Gastes, der ihnen gefiel, zu gewinnen; sie erzählten von einem
werten Vetter, der, drei Jahre abwesend, zunächst erwartet werde, von einer
würdigen Tante, die, unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der
Familie zu betrachten sei. In krankem Verfall des Körpers, in blühender
Gesundheit des Geistes ward sie geschildert, als wenn die Stimme einer
unsichtbar gewordenen Ursibylle rein göttliche Worte über die menschlichen
Dinge ganz einfach ausspräche.
Hersilie, die bisher lächelnd schweigsam geblieben, versetzte dagegen: »Wir Frauen sind in einem besondern Zustande. Die Maximen der Männer hören wir immerfort wiederholen, ja wir müssen sie in goldnen Buchstaben über unsern Häupten sehen, und doch wüßten wir Mädchen im stillen das Umgekehrte zu sagen, das auch gölte, wie es gerade hier der Fall ist. Die Schöne findet Verehrer, auch Freier, und endlich wohl gar einen Mann; dann gelangt sie zum Wahren, das nicht immer höchst erfreulich sein mag, und wenn sie klug ist, widmet sie sich dem Nützlichen, sorgt für Haus und Kinder und verharrt dabei. So habe ich's wenigstens oft gefunden. Wir Mädchen haben Zeit zu beobachten, und da finden wir meist, was wir nicht suchen.«
Freitag, 3. Juli 2026
Dienstag, 30. Juni 2026
Montag, 29. Juni 2026
Mit Goethe zu Tische. Ich sprach mit ihm über eine Stelle in seinen
Gedichten, ob es heißen müsse: ›Wie es dein Priester Horaz in der Entzückung
verhieß‹, wie in allen ältern Ausgaben steht; oder: ›Wie es dein Priester
Properz u.s.w.,‹ welches die neue Ausgabe hat.
»Zu dieser letztern Lesart,« sagte Goethe, »habe ich mich durch Göttling
verleiten lassen. Priester Properz klingt zudem schlecht, und ich bin daher für
die frühere Lesart.«
»So,« sagte ich, »stand auch in dem Manuscript Ihrer ›Helena‹, daß
Theseus sie entführet als ein zehnjährig schlankes Reh. Auf Göttling's
Einwendungen dagegen haben Sie nun drucken lassen: ein siebenjährig schlankes
Reh, welches gar zu jung ist, sowohl für das schöne Mädchen als für die
Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, die sie befreien. Das Ganze liegt ja so in
der Fabelzeit, daß niemand sagen kann wie alt sie eigentlich war, und zudem ist
die ganze Mythologie so versatil, daß man die Dinge brauchen kann wie es am
bequemsten und hübschesten ist.«
»Sie haben Recht,« sagte Goethe; »ich bin auch dafür, daß sie zehn Jahre
alt gewesen sei, als Theseus sie entführte, und ich habe daher auch später
geschrieben: vom zehnten Jahre an hat sie nichts getaugt. In der künftigen
Ausgabe mögt Ihr daher aus dem siebenjährigen Reh immer wieder ein zehnjähriges
machen.«


