Mit Goethe zu Tische. Ich sprach mit ihm über eine Stelle in seinen
Gedichten, ob es heißen müsse: ›Wie es dein Priester Horaz in der Entzückung
verhieß‹, wie in allen ältern Ausgaben steht; oder: ›Wie es dein Priester
Properz u.s.w.,‹ welches die neue Ausgabe hat.
»Zu dieser letztern Lesart,« sagte Goethe, »habe ich mich durch Göttling
verleiten lassen. Priester Properz klingt zudem schlecht, und ich bin daher für
die frühere Lesart.«
»So,« sagte ich, »stand auch in dem Manuscript Ihrer ›Helena‹, daß
Theseus sie entführet als ein zehnjährig schlankes Reh. Auf Göttling's
Einwendungen dagegen haben Sie nun drucken lassen: ein siebenjährig schlankes
Reh, welches gar zu jung ist, sowohl für das schöne Mädchen als für die
Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, die sie befreien. Das Ganze liegt ja so in
der Fabelzeit, daß niemand sagen kann wie alt sie eigentlich war, und zudem ist
die ganze Mythologie so versatil, daß man die Dinge brauchen kann wie es am
bequemsten und hübschesten ist.«
»Sie haben Recht,« sagte Goethe; »ich bin auch dafür, daß sie zehn Jahre
alt gewesen sei, als Theseus sie entführte, und ich habe daher auch später
geschrieben: vom zehnten Jahre an hat sie nichts getaugt. In der künftigen
Ausgabe mögt Ihr daher aus dem siebenjährigen Reh immer wieder ein zehnjähriges
machen.«

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