Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
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Goethe an Kleist
Ew.
Hochwohlgebornen bin ich sehr dankbar für das übersendete Stück des Phöbus. Die
prosaischen Aufsätze, wovon mir einige bekannt waren, haben mir viel Vergnügen
gemacht. Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie ist aus
einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region daß
ich mir Zeit nehmen muß mich in beide zu finden. Auch erlauben Sie mir zu sagen
(denn wenn man nicht aufrichtig sein sollte, so wäre es besser, man schwiege
gar), daß es mich immer betrübt und bekümmert, wenn ich junge Männer von Geist
und Talent sehe, die auf ein Theater warten, welches da kommen soll. Ein Jude
der auf den Messias, ein Christ der aufs neue Jerusalem, und ein Portugiese der
auf den Don Sebastian wartet, machen mir kein größeres Mißbehagen. Vor jedem
Brettergerüste möchte ich dem wahrhaft theatralischen Genie sagen: hic Rhodus,
hic salta! Auf jedem Jahrmarkt getraue ich mir, auf Bohlen über Fässer
geschichtet, mit Calderons Stücken, mutatis mutandis, der gebildeten und ungebildeten
Masse das höchste Vergnügen zu machen. Verzeihen Sie mir mein Geradezu: es
zeugt von meinem aufrichtigen Wohlwollen. Dergleichen Dinge lassen sich
freilich mit freundlichem Tournüren und gefälliger sagen. Ich bin jetzt schon
zufrieden, wenn ich nur etwas vom Herzen habe. Nächstens mehr.
Goethe.
Weimar,
den 1. Februar 1808


