Dienstag, 1. September 2026

Sonntag, 30. August 2026

Man sieht die Blumen welken und die Blätter fallen, aber man sieht auch Früchte reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefaßt sein. 



Die Pflichten und Freuden des Pflegevaters und Vaters vereinigten sich; und so überschritt zwar unsere kleine Familie, indem sie sich vermehrte, ihr Vorbild an Zahl der Personen, aber die Tugenden jenes Musterbildes an Treue und Reinheit der Gesinnungen wurden von uns heilig bewahrt und geübt. 

 Fotzenhut


 

Freitag, 28. August 2026

Und so erhalten wir auch mit freundlicher Gewohnheit den äußern Schein, zu dem wir zufällig gelangt und der so gut zu unserm Innern paßt: denn ob wir gleich alle gute Fußgänger und rüstige Träger sind, so bleibt das lastbare Tier doch immer in unserer Gesellschaft, um eine oder die andere Bürde fortzubringen, wenn uns ein Geschäft oder Besuch durch diese Berge und Täler nötigt. Wie Ihr uns gestern angetroffen habt, so kennt uns die ganze Gegend, und wir sind stolz darauf, daß unser Wandel von der Art ist, um jenen heiligen Namen und Gestalten, zu deren Nachahmung wir uns bekennen, keine Schande zu machen. 

Mittwoch, 26. August 2026

 

Aber wie das Erhabene von Dämmerung und Nacht, wo sich die Gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom Tage verscheucht, der alles sondert und trennt, und so muß es auch durch jede wachsende Bildung vernichtet werden, wenn es nicht glücklich genug ist, sich zu dem Schönen zu flüchten und sich innig mit ihm zu vereinigen, wodurch denn beide gleich unsterblich und unverwüstlich sind.

 

Das Geheimnis, womit mich Elisabeth jederzeit empfing, die bündigen Antworten auf meine rätselhaften Fragen, die ich selbst nicht verstand, erregten mir sonderbare Ehrfurcht für sie, und ihr Haus, das höchst reinlich war, schien mir eine Art von kleinem Heiligtume vorzustellen.

Dienstag, 25. August 2026

 

In der Hand die goldne Leier, völlig wie ein kleiner Phöbus
Tritt er wohlgemut zur Kante, zu dem Überhang; wir staunen.




 

Sonntag, 23. August 2026

Allerlei Spässe.
So wie am Ende ein grosses Individuum den Wissenschaften Face machen muss, so ist es am Ende auch nur das Individuum, welches originäre, primäre Vorstellungen hat, das eigentlich Schätzbare und das was zählt. Die andern erhalten ihre Vorstellungen nur als Reflex, als Widerschein. Sie kleiden sich in gewisse Vorstellungen, wissenschaftliche oder sittliche, wie in Modetrachten.

Dienstag, 18. August 2026

 

Man sieht mancherlei Holz gezimmert; eben soll es zusammengesetzt werden, und zufälligerweise bilden ein paar Stücke ein Kreuz. Das Kind ist auf dem Kreuze eingeschlafen, die Mutter sitzt daneben und betrachtet es mit inniger Liebe, und der Pflegevater hält mit der Arbeit inne, um den Schlaf nicht zu stören. Gleich darauf folgt die Flucht nach Ägypten. Sie erregte bei dem beschauenden Wanderer ein Lächeln, indem er die Wiederholung des gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah.

Sonntag, 16. August 2026


 

 

Dem heiligen Joseph war nichts Geringeres aufgetragen, als einen Thron für den König Herodes zu machen. Zwischen zwei gegebenen Säulen soll der Prachtsitz aufgeführt werden. Joseph nimmt sorgfältig das Maß von Breite und Höhe und arbeitet einen köstlichen Königsthron. Aber wie erstaunt ist er, wie verlegen, als er den Prachtsessel herbeischafft: er findet sich zu hoch und nicht breit genug. Mit König Herodes war, wie bekannt, nicht zu spaßen; der fromme Zimmermeister ist in der größten Verlegenheit. Das Christkind, gewohnt, ihn überallhin zu begleiten, ihm in kindlich demütigem Spiel die Werkzeuge nachzutragen, bemerkt seine Not und ist gleich mit Rat und Tat bei der Hand. Das Wunderkind verlangt vom Pflegevater, er solle den Thron an der einen Seite fassen; es greift in die andere Seite des Schnitzwerks, und beide fangen an zu ziehen. Sehr leicht und bequem, als wär' er von Leder, zieht sich der Thron in die Breite, verliert verhältnismäßig an der Höhe und paßt ganz vortrefflich an Ort und Stelle, zum größten Troste des beruhigten Meisters und zur vollkommenen Zufriedenheit des Königs.

 

Die Kinder gaben Anlaß zur Unterhaltung, indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner heiligen Wirtin nicht genugsam beobachten konnte.

Freitag, 7. August 2026

 


Was machst du an der Welt? Sie ist schon gemacht,
Der Herr der Schöpfung hat alles bedacht.
Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise,
Der Weg ist begonnen, vollende die Reise:
Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht,
Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.


 

Dienstag, 4. August 2026

 

Wer lebenslang dir wohlgetan,
Verletzung rechne dem nicht an.

 

Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: Mehr Licht! Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht Mehr Licht, sondern Mehr nicht! gesagt. Nur Riemer und ich – und Kräuter – waren dabei anwesend. Wir, Riemer, Kräuter und ich einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe Mehr Licht  gesagt als Letztes und nicht Mehr nicht!  An dieser Lüge als Verfälschung leide ich, nachdem Riemer und Kräuter längst daran gestorben sind, noch heute.

 

Es ist etwas Unstetes und Misstrauisches in seinem ganzen Wesen, wobei sich niemand in seiner Gegenwart wohl befinden kann.

Sonntag, 2. August 2026


 

 

Was ist das hier? Wer seid ihr hier? Was wollt ihr da? Wer schlich sich ein? Die Feuerpein Euch ins Gebein!

Donnerstag, 30. Juli 2026

Prüft das Geschick dich, weiß es wohl warum:
Es wünschte dich enthaltsam! Folge stumm.  

So zeigte sich diese junge, unerklärliche Person, die mich ganz eingenommen hatte, binnen zwei Jahren, die es ihr gefiel bei uns zu verweilen, bis sie mit einer Torheit schloß, die viel seltsamer ist, als ihre Eigenschaften ehrwürdig und glänzend waren. Mein Sohn, jünger als ich, wird sich trösten können; was mich betrifft, so fürchte ich, schwach genug zu sein, sie immer zu vermissen.   

Dienstag, 28. Juli 2026

Donnerstag, 16. Juli 2026

Der junge Revanne hörte noch zu, da sie schon ausgesprochen hatte. Er stand wie vom Blitz getroffen; Tränen öffneten zuletzt seine Augen, und in dieser Rührung lief er zur Tante, zum Vater, ihnen zu sagen: Mademoiselle gehe weg, Mademoiselle sei ein Engel, oder vielmehr ein Dämon, herumirrend in der Welt, um alle Herzen zu peinigen. Aber die Pilgerin hatte so gut sich vorgesehen, daß man sie nicht wiederfand. Und als Vater und Sohn sich erklärt hatten, zweifelte man nicht mehr an ihrer Unschuld, ihren Talenten, ihrem Wahnsinn. So viel Mühe sich auch Herr von Revanne seit der Zeit gegeben, war es ihm doch nicht gelungen, sich die mindeste Aufklärung über diese schöne Person zu verschaffen, die so flüchtig wie die Engel und so liebenswürdig erschienen war.

 

Die Frage Wilhelms: wann man ihm aufwarten könne? ward durch die Nachricht beantwortet: der Herr sei, nach seiner Gewohnheit, ganz früh weggeritten. Er pflege zu sagen: Aufmerksamkeit ist das Leben! – Sie werden diesen und andere Sprüche, in denen er sich bespiegelt, in den Feldern über den Türen eingeschrieben sehen, wie wir hier zum Beisüpiel gleich antreffen: Vom Nützlichen durchs Wahre zum Schönen.

Donnerstag, 9. Juli 2026


 

 

Nun suchten die Schwestern durch Aufrichtigkeit und Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes, der ihnen gefiel, zu gewinnen; sie erzählten von einem werten Vetter, der, drei Jahre abwesend, zunächst erwartet werde, von einer würdigen Tante, die, unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei. In krankem Verfall des Körpers, in blühender Gesundheit des Geistes ward sie geschildert, als wenn die Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein göttliche Worte über die menschlichen Dinge ganz einfach ausspräche.

Hersilie, die bisher lächelnd schweigsam geblieben, versetzte dagegen: »Wir Frauen sind in einem besondern Zustande. Die Maximen der Männer hören wir immerfort wiederholen, ja wir müssen sie in goldnen Buchstaben über unsern Häupten sehen, und doch wüßten wir Mädchen im stillen das Umgekehrte zu sagen, das auch gölte, wie es gerade hier der Fall ist. Die Schöne findet Verehrer, auch Freier, und endlich wohl gar einen Mann; dann gelangt sie zum Wahren, das nicht immer höchst erfreulich sein mag, und wenn sie klug ist, widmet sie sich dem Nützlichen, sorgt für Haus und Kinder und verharrt dabei. So habe ich's wenigstens oft gefunden. Wir Mädchen haben Zeit zu beobachten, und da finden wir meist, was wir nicht suchen.« 

Freitag, 3. Juli 2026

 

Indessen fuhr Juliette mit dem neuen Freunde durch eine Reihe von Anlagen, welche sämtlich auf Nutzen und Genuß hindeuteten, ja die unzähligen Fruchtbäume machten zweifelhaft, ob das Obst alles verzehrt werden könne.


 

Dienstag, 30. Juni 2026

 

Wie kommts, dass du so traurig bist,

Da alles froh erscheint?

Man sieht dirs an den Augen an,

Gewiss, du hast geweint.

 

"Und hab ich einsam auch geweint,

So ists mein eigner Schmerz,

Und Tränen fliessen gar süss,

Erleichtern mir das Herz."

 

Montag, 29. Juni 2026

 

Mit Goethe zu Tische. Ich sprach mit ihm über eine Stelle in seinen Gedichten, ob es heißen müsse: ›Wie es dein Priester Horaz in der Entzückung verhieß‹, wie in allen ältern Ausgaben steht; oder: ›Wie es dein Priester Properz u.s.w.,‹ welches die neue Ausgabe hat.

»Zu dieser letztern Lesart,« sagte Goethe, »habe ich mich durch Göttling verleiten lassen. Priester Properz klingt zudem schlecht, und ich bin daher für die frühere Lesart.«

»So,« sagte ich, »stand auch in dem Manuscript Ihrer ›Helena‹, daß Theseus sie entführet als ein zehnjährig schlankes Reh. Auf Göttling's Einwendungen dagegen haben Sie nun drucken lassen: ein siebenjährig schlankes Reh, welches gar zu jung ist, sowohl für das schöne Mädchen als für die Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, die sie befreien. Das Ganze liegt ja so in der Fabelzeit, daß niemand sagen kann wie alt sie eigentlich war, und zudem ist die ganze Mythologie so versatil, daß man die Dinge brauchen kann wie es am bequemsten und hübschesten ist.«

»Sie haben Recht,« sagte Goethe; »ich bin auch dafür, daß sie zehn Jahre alt gewesen sei, als Theseus sie entführte, und ich habe daher auch später geschrieben: vom zehnten Jahre an hat sie nichts getaugt. In der künftigen Ausgabe mögt Ihr daher aus dem siebenjährigen Reh immer wieder ein zehnjähriges machen.«

Samstag, 27. Juni 2026

 

Zum Nachtisch zeigte Goethe mir zwei frische Hefte von Neureuther nach seinen Balladen, und wir bewunderten vor allem den freien heitern Geist des liebenswürdigen Künstlers.


 

Dienstag, 23. Juni 2026

 

Gedenken Sie mein mit den Ihrigen.

 

Alles empfiehlt sich Ihnen hier aufs beste.

Mittwoch, 10. Juni 2026

 

Und sie in ihrer warmen Sphäre
Fühlt sich behaglich, zierlich, fein:
Da sie nicht ohne den Menschen wäre,
So dünkt sie sich ein Mensch zu sein.

 

Was waren das für schöne Zeiten!
In Ecclesia mulier taceat!
Jetzt, da eine jegliche Stimme hat,
Was will Ecclesia bedeuten.

Montag, 8. Juni 2026

Sonntag, 7. Juni 2026

 

Autorität: ohne sie kann der Mensch nicht existieren, und doch bringt sie ebensoviel Irrtum als Wahrheit mit sich. Sie verewigt im einzelnen, was ein­zeln vorübergehen wollte, lehnt ab und lässt vorbeigehen, was festgehalten werden sollte, und ist hauptsächlich Ursache, dass die Menschheit nicht vom Flecke kommt.

Samstag, 6. Juni 2026

Das sogenannte Aus-Sich-Schöpfen macht gewöhnlich falsche Originale und Manieristen.

 

Was heisst auch erfinden, und wer kann sagen, dass er dies oder jenes erfunden habe? Wie es denn überhaupt, auf Priorität zu pochen, wahre Narrheit ist; denn es ist nur bewusstloser Dünkel, wenn man sich nicht redlich als Plagiator bekennen will.

Freitag, 29. Mai 2026

Freitag, 22. Mai 2026


Ihr könnt mir immer ungescheut
Wie Blüchern Denkmal setzen;
Von Franzen hat er euch befreit,
Ich von Philisternetzen.

 

Der Gotteserde lichten Saal
Verdüstern sie zum Jammertal;
Daran entdecken wir geschwind,
Wie jämmerlich sie selber sind.

Freitag, 15. Mai 2026

 

Den 24. Juli. Der Morgen ging ziemlich ruhig hin, der Ausmarsch verzögerte sich, es sollten Geldangelegenheiten sein, die man so bald nicht abtun könne. Endlich zu Mittag, als alles bei Tisch und Topf beschäftigt und eine große Stille im Lager sowie auf der Chaussee war, fuhren mehrere dreispännige Wagen, in einiger Ferne voneinander, sehr schnell vorbei, ohne daß man sich's versah und darüber nachsann; doch bald verbreitete sich das Gerücht: auf diese kühne und kluge Weise hätten mehrere Klubisten sich gerettet. Leidenschaftliche Personen behaupteten, man müsse nachsetzen, andere ließen es beim Verdruß bewenden, wieder andere wollten sich verwundern: daß auf dem ganzen Wege keine Spur von Wache, noch Pikett, noch Aufsicht erscheine; woraus erhelle, sagten sie, daß man von oben herein durch die Finger zu sehen und alles, was sich ereignen könnte, dem Zufall zu überlassen geneigt sei.


 

 

Diese Betrachtungen jedoch wurden durch den wirklichen Auszug unterbrochen und umgestimmt. Auch hier kamen mir und Freunden die Fenster des Chausseehauses zustatten. Den Zug sahen wir in aller seiner Feierlichkeit herankommen. Angeführt durch preußische Reiterei, folgte zuerst die französische Garnison. Seltsamer war nichts, als wie sich dieser Zug ankündigte; eine Kolonne Marseiller, klein, schwarz, buntscheckig, lumpig gekleidet, trappelten heran, als habe der König Edwin seinen Berg aufgetan und das muntere Zwergenheer ausgesendet. Hierauf folgten regelmäßigere Truppen, ernst und verdrießlich, nicht aber etwa niedergeschlagen oder beschämt. Als die merkwürdigste Erscheinung dagegen mußte jedermann auffallen, wenn die Jäger zu Pferd heraufritten; sie waren ganz still bis gegen uns herangezogen, als ihre Musik den Marseiller Marsch anstimmte. Dieses revolutionäre Te Deum hat ohnehin etwas Trauriges, Ahndungsvolles, wenn es auch noch so mutig vorgetragen wird; diesmal aber nahmen sie das Tempo ganz langsam, dem schleichenden Schritt gemäß, den sie ritten. Es war ergreifend und furchtbar und ein ernster Anblick, als die Reitenden, lange hagere Männer, von gewissen Jahren, die Miene gleichfalls jenen Tönen gemäß, heranrückten; einzeln hätte man sie dem Don Quichote vergleichen können, in Masse erschienen sie höchst ehrwürdig.

Sonntag, 10. Mai 2026

 

Als ich zurückfuhr, rief mich ein Mann mittleren Alters an und bat mich, seinen Knaben von ungefähr acht Jahren, den er an der Hand mit fortschleppte, zu mir zu nehmen. Er war ein ausgewanderter Mainzer, welcher, mit großer Hast und Lust seinen bisherigen Aufenthalt verlassend, herbeilief, den Auszug der Feinde triumphierend anzusehen, sodann aber den zurückgelassenen Klubisten Tod und Verderben zu bringen schwor. Ich redete ihm begütigende Worte zu und stellte ihm vor: daß die Rückkehr in einen friedlichen und häuslichen Zustand nicht mit neuem bürgerlichen Krieg, Haß und Rache müsse verunreinigt werden, weil sich das Unglück ja sonst verewige. Die Bestrafung solcher schuldigen Menschen müsse man den hohen Alliierten und dem wahren Landesherrn nach seiner Rückkehr überlassen, und was ich sonst noch Besänftigendes und Ernstliches anführte; wozu ich ein Recht hatte, indem ich das Kind in den Wagen nahm und beide mit einem Trunk guten Weins und Bretzeln erquickte. An einem abgeredeten Ort setzt' ich den Knaben nieder, da sich denn der Vater schon von weitem zeigte und mit dem Hut mir tausend Dank und Segen zuwinkte.

 

Hier aber folgt noch allzuvieles
In meinen Papieren lustigen Spieles;
Da nickt mir ein artig Kind ins Gesicht –
Ich weiß nicht, soll ich? Soll ich nicht?

Samstag, 2. Mai 2026


 

Daß ich bezahle,
Um zu verführen,
Das gilt in Westen,
Das gilt in Osten.

Daß ich bezahle,
Um zu verlieren,
Das sind, ich dächte,
Sehr falsche Kosten.



 

Angedenken an das Schöne
Ist das Heil der Erdensöhne.

Angedenken an das Gute
Hält uns immer frisch bei Mute.



Donnerstag, 30. April 2026

Sonntag, 26. April 2026

 

Sie wissen, ich bekümmere mich im Ganzen wenig um das, was über mich geschrieben wird, aber es kommt mir doch zu Ohren, und ich weiß recht gut, dass, so sauer ich es mir auch mein lebelang habe werden lassen, all mein Wirken in den Augen gewisser Leute für nichts geachtet wird, eben weil ich verschmäht habe, mich in politische Parteiungen zu mengen. Um diesen Leuten recht zu sein, hätte ich müssen Mitglied eines Jakobinerklubs werden und Mord und Blutvergießen predigen! – Doch kein Wort mehr über diesen schlechten Gegenstand, damit ich nicht unvernünftig werde, indem ich das Unvernünftige bekämpfe.

Donnerstag, 23. April 2026

 

Nichts wird rechts und links mich kränken,
Folg ich kühn dem raschen Flug;
Wollte jemand anders denken,
Ist der Weg ja breit genug.

 

Es ist nicht zu schelten,
Man laß es gelten!
Ich aber bin kein Haar
Weiter, als ich war.

Montag, 20. April 2026

 

Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht.

Freitag, 17. April 2026


 

Locken, haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch, geliebten braunen Schlangen,
Zu erwidern hab ich nichts.

Nur dies Herz, es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Rast ein Ätna dir hervor. 

 


Freitag, 10. April 2026

 

Heidelberg, den 11. Mai 1811.


Dein Glück bei Goethe, so preislich Du es auch in den brillantesten Zügen herausstreichst, kömmt mir nicht unerwartet, Du weißt, wie ich in Hinsicht der äußeren Verträglichkeit über den alten Herrn denke; doch gefalle Dir nur nicht zu sehr in der vornehm gelehrten Rolle, die Du angenommen hast, und bedenke, wie in allen menschlichen Dingen, das Ende. Wenn Du nur Schwarz auf Weiß Dir herausreden kannst, erst dann will ich Dich nach allen Kräften rühmen und preisen. Seit das Kantische Prinzip der Zweckmäßigkeit ohne Zweck wieder aus der Mode gekommen, finde ich das rein ästhetische Wohlgefallen überall in diesem interessierten Zeitalter malplaciert, und denke im Gegensatz des Evangeliums: gebt uns nur erst alles Andere, das Himmelreich wollen wir schon selbst zu finden trachten. Indessen ist es denn doch kein kleiner Triumph für den Ernst und die Redlichkeit Deines Strebens, mit einem so hoch berühmten und mit Recht verehrten Mann, um dessen Beifall gewichtigere Männer wie Du, vergebens in Kunst und Wissenschaft sich bemüht haben, auf diesem Punkte geistiger Vertraulichkeit und Gemeinschaft zu stehen. Auch möchte ich Dich heimlich belauschen, Du warst gewiß innerlich so gepudert, mit Stern und Ordensband geziert und schimmerst so sehr in fremdem und eigenem Lichte, daß Du in der Dunkelheit Deines Wirthsstübchens ganz transparent erscheinen mußt. Wenn uns einmal etwas in der Welt gelingen sollte, liebes Kind, ohne Mühe und Anstrengung, in Lust und Freude haben wir es nicht errungen, unter drückenden bürgerlichen und häuslichen Verhältnissen, im Widerstreit gegen langjähriges Vorurtheil, gegen Apathie und Unempfänglichkeit für das Höhere, von Leiden und Trübsalen aller Art bedrängt, haben wir unsern Weg im Stillen fortgesetzt, ohne andere Aufmunterung und Unterstützung, als die des innern besseren Bewußtseyns, und des treuen beharrlichen Sinnes, der durch den Nebel der Zeiten wohl getrübt, aber nicht erstickt und vernichtet werden kann. Wie denk' ich mit freudiger Erhebung zurück an die ersten Zeiten unserer Bekanntschaft, die stillen, bescheidenen Anfänge Deiner Studien, wie oft habe ich in zweifelndem Gemüthe mit Ernst und Fleiß erwogen, ob mir Pflicht und Liebe es geböten, Dich dem Wirkungskreis zu entreißen, in dem Dich Deine ganze Umgebung zurückzuhalten strebte; und was konnte ich Dir bieten zum Ersatz für die Aufopferungen aller Art, zu denen Du Dich entschließen mußtest? ein fernes dunkles Ziel, das nur nach langen mühseligen Anstrengungen und Kämpfen zu erringen ist, während Du für die Gegenwart allem entsagen solltest, was in der Jugend Blüthe und Kraft als des Lebens höchster Reiz gepriesen wird.
Wenn nun der hochberühmte Mann der Zeit Deinem Unternehmen freundlich Beifall zunickte, wenn die Menge Deine Arbeiten bewundernd angafft, und der Ruf Deinen Namen dem Vaterlande von der Fremde ehrenvoll zurückträgt, so denke an jene einsamen Spaziergänge auf St.Severins und St.Gereons Wall, wo Ehrfurcht gebietend in den Resten alter Herrlichkeit, die Vaterstadt so still und schweigend vor uns lag, in deren öden Mauern ein in langjähriger Erschlaffung entartetes und nun durch den Druck der Zeiten vollends niedergebeugtes Geschlecht, uns auch nicht ein Wesen darbot, das an dem Zwecke unseres Strebens mit Liebe Theil genommen hätte. Darum freue Dich des Gelingens Deiner Pläne und gehe dem Ziele, das Du Dir vorgesteckt, mit freiem Muth entgegen.
Wer des reinen guten Willens vor Gott und den Menschen sich bewußt ist, den darf das widerstrebende Drängen und Treiben der Zeit so leicht nicht irre machen; wer dem Dienste des Höchsten sein Denken und Thun geweiht hat, dem wird die Weisheit nicht fehlen, die allein wahren Werth und Bestand hat, und auch die Klugheit nicht, die den Geist der Welt zähmen und bezwingen kann.
Ich falle, wie Du siehst, auf einen ernsthaften Text, Zeit und Umstände haben mir ihn aber auch jetzt so nahe gelegt, wo Du im Begriffe stehst, die Resultate Deines Strebens der Welt öffentlich darzulegen, und wo mir die momentane Stille einsamer Zurückgezogenheit zum Nachdenken über Alles was unser gemeinsames Interesse berührt, so mancherlei Veranlassung gibt.


(Bertram an Sulpiz Boisserée)

Berlin, den 31. März 1832.

Erst heute, verehrtester Mann, kann ich Ihnen für die freundschaftlichste Theilnahme danken, von welcher Art auch die Gelegenheit diesmal seyn mag.

Was zu erwarten, zu fürchten war, mußte ja kommen. Die Stunde hat geschlagen. Der Weiser steht wie die Sonne zu Gibeon, denn siehe auf seinen Rücken hingestreckt liegt der Mann, der auf Säulen des Hercules das Universum beschritt, wenn unter ihm die Mächte der Erde um den Staub eiferten unter ihren Füßen.
Was kann ich von mir sagen? zu Ihnen? zu allen dort? und überall? – Wie Er dahinging vor mir, so rück' ich Ihm nun täglich näher und werd' ihn einholen, den holden Frieden zu verewigen, der so viel Jahre nach einander den Raum von sechsunddreyßig Meilen zwischen uns erheitert und belebt hat.
Nun hab' ich die Bitte: hören Sie nicht auf, mich Ihrer freundschaftlichen Mittheilungen zu würdigen. Sie werden ermessen, was ich wissen darf, da Ihnen das niemals gestörte Verhältnis zweyer, im Wesen stets einigen, wenn auch dem Inhalte nach weit von einander entfernten Vertrauten bekannt ist. Ich bin wie eine Wittwe, die ihren Mann verliert, ihren Herrn und Versorger! Und doch darf ich nicht trauern; ich muß erstaunen über den Reichthum, den er mir zugebracht hat. Solchen Schatz hab' ich zu bewahren und mir die Zinsen zu Capital zu machen.
Verzeihen Sie, edler Freund! ich soll ja nicht klagen, und doch wollen die alten Augen nicht gehorchen und Stich halten. Ihn aber habe ich auch einmal weinen sehn, das muß mich rechtfertigen.

                                                                        Zelter.


(Karl Friedrich Zelter an Kanzler von Müller)

 

Mittwoch, 25. März 2026


 

 

Geh, gehorche meinen Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Waage
Steht die Zunge selten ein;
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein.

 

 

Und auf den Höhen der Indischen Lüfte
Und in den Tiefen Aegyptischer Grüfte
Hab' ich das heilige Wort nur gehört:
Thöricht, auf Beßrung der Thoren zu harren!
Kinder der Klugheit, o habet die Narren
Eben zum Narren auch, wie sich's gehört!

Sonntag, 22. März 2026

 

Leben Sie recht wohl und vergessen nicht ganz meines diätetischen Rates


 

 

Leben Sie recht wohl und empfehlen mich den Ihrigen.

Donnerstag, 19. März 2026

Samstag, 14. März 2026

 

 

Wir treten also weder der Urkraft der Natur, noch der Weisheit und Macht eines Schöpfers zu nahe, wenn wir annehmen: daß diese mittelbar zu Werke gehe, jener mittelbar im Anfang der Dinge zu Werke gegangen sei. Ist es nicht dieser großen Kraft anständig, daß sie das Einfache einfach, das Zusammengesetzte zusammengesetzt hervorbringe? Treten wir ihrer Macht zu nahe, wenn wir behaupten, sie habe ohne Wasser keine Fische, ohne Luft keine Vögel, ohne Erde keine übrigen Tiere hervorbringen können, so wenig als sich die Geschöpfe ohne die Bedingung dieser Elemente existierend denken lassen.

Dienstag, 3. März 2026

 

Die Deutschen besitzen die Kunst, die Wissenschaften unzugänglich zu machen. 

 

Man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren Büchern des Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegtesten Lebens saust und sie mit Gewalt rasch hin und wider blättert.

 

Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innre, dieser das Äußere fehlt, so müssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art von Ganzheit erwarten. Und zwar haben wir diese nicht im Allgemeinen, im Überschwänglichen zu suchen, sondern, wie die Kunst sich immer ganz in jedem einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wissenschaft sich auch jedesmal ganz in jedem einzelnen Behandelten erweisen.

Donnerstag, 26. Februar 2026

 

Das verwünschte Gebettel! Es haben die vorderen Kutschen
Reichlich für uns mit bezahlt. Geben nichts. Kutscher, fahr zu.

Mittwoch, 11. Februar 2026

 

Nachmittags von 4 bis 5 Uhr weilte ich bei Goethen. Ein Frankfurter, Herr Fellner, wurde angemeldet und abgeschlagen. »Man muß den Leuten abgewöhnen, einen unangemeldet zu überfallen, man bekommt doch immer andere fremde Gedanken durch solche Besuche, muß sich in ihre Zustände hineindenken. Ich will keine fremden Gedanken, ich habe an meinen eigenen genug, kann mit diesen nicht fertig werden.«


 

Lasset Gelehrte sich zanken und streiten,
Streng und bedächtig die Lehrer auch sein!
Alle die Weisesten aller der Zeiten
Lächeln und winken und stimmen mit ein:
Thöricht auf Beßrung der Thoren zu harren!
Kinder der Klugheit, o habet die Narren
Eben zum Narren auch, wie sich's gehört!



 

Montag, 9. Februar 2026

 

Eckermann trat ein, das Gespräch kam auf Byron's Conversations. »Ich lese sie nun zum zweiten Male, ich möchte sie nicht missen und doch lassen sie einen peniblen Eindruck zurück. Wie viel Geklatsche oft nur um eine elende Kleinigkeit; welche Empfindlichkeit über jedes alberne Urtheil der Journalisten, welch' ein wüstes Leben mit Hunden, Affen, Pfauen, Pferden; alles ohne Folge und Zusammenhang. Nur über Anschauungen urtheilt Byron vortrefflich und klar, Reflexion ist nicht seine Sache, seine Urtheile und Combinationen sind dann oft die eines Kindes. Wie viel zu geduldig läßt er sich Plagiate vorwerfen, scharmutzirt nur zu seiner Vertheidigung, statt mit schwerem Geschütz die Gegner niederzudonnern.

 

Ja, die Geschichte läßt ganz wundersame Phänomene hervortreten, je nachdem man sie aus einem bestimmten Kreispunkte betrachtet. Und doch kann eigentlich Niemand aus der Geschichte etwas lernen, denn sie enthält ja nur eine Masse von Thorheiten und Schlechtigkeiten.

Freitag, 6. Februar 2026


 

 

Er war im schönsten Zuge, allgemeine Ansichten und Betrachtungen aus der innern Fülle seines Geistes hervorströmen zu lassen, und dabei höchst mild und treuherzig.

 

Am 30. Oktober 1808 beklagte sich Goethe in einem Brief an Zelter: „Die Kunstwelt liegt freilich zu sehr im Argen, als dass ein junger Mensch so leicht gewahr werden sollte, worauf es ankommt. Sie suchen es immer wo anders als da, wo es entspringt, und wenn sie die Quelle einmal erblicken, so können sie den Weg dazu nicht finden. Deswegen bringen mich auch ein halb Dutzend jüngere poetische Talente zur Verzweiflung, die bei außerordentlichen Naturanlagen schwerlich viel machen werden, was mich erfreuen kann. Werner, Oehlenschläger, Arnim, Brentano und andere treibens immerfort; aber alles geht durchaus ins Form- und Charakterlose. Kein Mensch will begreifen, dass die höchste und einzige Operation der Natur und Kunst die Gestaltung sei, und in der Gestaltung die Spezifikation, damit jedes ein besonderes Bedeutendes werde, sei und bleibe.“

Montag, 2. Februar 2026

 

Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden mit Entwicklung, Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Aus aller Ordnung entsteht zuletzt Pedanterie; um diese los zu werden, zerstört man jene, und es geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, daß man wieder Ordnung machen müsse.


 

 

Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.

Freitag, 30. Januar 2026

 Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.

Dienstag, 27. Januar 2026

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist.

Allein kann der Mensch nicht wohl bestehen, daher schlägt er sich gern zu einer Partei, weil er da, wenn auch nicht Ruhe, doch Beruhigung und Sicherheit findet. 

Sonntag, 25. Januar 2026

Freitag, 23. Januar 2026

 

Übrigens befinde ich mich ganz leidlich und nicht ganz untätig. Der ich in Erwartung eines bessern ein Gleiches wünsche.

 

Ich wünsche, daß Sie in Ihrer Unternehmung weiter gelangt sind.

 Leben Sie heiter und tätig.

 

Wohlsein und Stimmung!

Donnerstag, 15. Januar 2026


 

 

Goethe an Kleist

Ew. Hochwohlgebornen bin ich sehr dankbar für das übersendete Stück des Phöbus. Die prosaischen Aufsätze, wovon mir einige bekannt waren, haben mir viel Vergnügen gemacht. Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie ist aus einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region daß ich mir Zeit nehmen muß mich in beide zu finden. Auch erlauben Sie mir zu sagen (denn wenn man nicht aufrichtig sein sollte, so wäre es besser, man schwiege gar), daß es mich immer betrübt und bekümmert, wenn ich junge Männer von Geist und Talent sehe, die auf ein Theater warten, welches da kommen soll. Ein Jude der auf den Messias, ein Christ der aufs neue Jerusalem, und ein Portugiese der auf den Don Sebastian wartet, machen mir kein größeres Mißbehagen. Vor jedem Brettergerüste möchte ich dem wahrhaft theatralischen Genie sagen: hic Rhodus, hic salta! Auf jedem Jahrmarkt getraue ich mir, auf Bohlen über Fässer geschichtet, mit Calderons Stücken, mutatis mutandis, der gebildeten und ungebildeten Masse das höchste Vergnügen zu machen. Verzeihen Sie mir mein Geradezu: es zeugt von meinem aufrichtigen Wohlwollen. Dergleichen Dinge lassen sich freilich mit freundlichem Tournüren und gefälliger sagen. Ich bin jetzt schon zufrieden, wenn ich nur etwas vom Herzen habe. Nächstens mehr.

Goethe.

Weimar, den 1. Februar 1808

Samstag, 10. Januar 2026

 

An Heinrich Carl Abraham Eichstädt

Ew. Wohlgeboren

letztere hier zurückkehrende Sendung hat mich wirklich betrübt, denn wen sollte es nicht schmerzen, daß ein hohler Tageswahn hier als Urtheil und zwar als ein von Kopf zu Fuß gewaffnetes, das Zeitalter bedrohendes Urtheil auftritt. Herr – Us scheint mir kaum derselbe, von dem so manche geistreiche und beyfallswürdige Recension in Ihren Blättern steht. Das Übel aber liegt freylich in der oberflächlichen Zeitbildung, da denn alle Urtheile nach und nach nur aus dem einzelnen Menschen und seiner augenblicklichen Stimmung hervorgehen.

Wer die Geschichte recht erkannt hat, dem wird aus tausend Beyspielen klar seyn, daß das Vergeistigen des Körperlichen, wie das Verkörperndes Geistigen nicht einen Augenblick geruht, sondern immer unter Propheten, Religiosen, Dichtern, Rednern, Künstlern und Kunstgenossen hin und her pulsirt hat; vor- und nachzeitig immer, gleichzeitig oft.

Und sollte man nicht, auf diesem höhern Standpunct, mit unsern paar Männern auch fertig werden? Man gebe einem jeden sein entschiedenes individuelles Talent mit Wohlwollen zu, man charakterisire es mit Einsicht und Schärfe und zeige hinterdrein den Gebrauch und Mißbrauch desselben, sowohl an den Originalgeistern, als an den Nachahmern, und so wird man das Capitel sehr in die Enge bringen. Wie wollte man denn sonst eine Dogmen- und Literargeschichte schreiben. Anstatt aber auf dem wirklich hohen Standpunct unserer Zeit der Nachwelt vorzugreifen, die Sache abzuthun und der Mitwelt nützlich zu seyn, so verwirrt sich der Fühlende, Denkende, Urtheilende mit in der Tagesmenge und hilft den Staub erregen, den er löschen sollte.

Dem Übel ist indessen nicht zu steuern. Halten Ew. Wohlgeb. so lang als möglich dergleichen Einflüsse von Ihrer Zeitschrift ab; freylich wird es schwer seyn, weil soviel junge, thätige, vorzügliche Männer an dieser Krankheit leiden, und vielleicht erst in zehen Jahren das Thörige und Unglückliche davon einsehen lernen.

Verzeihen und secretiren Ew. Wohlgeb. diese meine vielleicht hypochondrischen Äußerungen, ich wollte aber Ihr geneigtes Zutrauen, wenigstens mit augenblicklicher Aufrichtigkeit, dankbar erwidern.

ergebenst

Weimar den 10. März 1815.

Goethe.

Dienstag, 6. Januar 2026

Montag, 5. Januar 2026

Der Menschenverstand wird mit dem gesunden Menschen rein geboren, entwickelt sich aus sich selbst und offenbart sich durch ein entschiedenes Gewahrwerden und Anerkennen des Notwendigen und Nützlichen. Praktische Männer und Frauen bedienen sich dessen mit Sicherheit. Wo er mangelt, halten beide Geschlechter, was sie begehren, für notwendig und für nützlich, was ihnen gefällt.     

Samstag, 3. Januar 2026

Die Vorurteile der Menschen beruhen auf dem jedesmaligen Charakter der Menschen, daher sind sie, mit dem Zustand innig vereinigt, ganz unüberwindlich; weder Evidenz noch Verstand noch Vernunft haben den mindesten Einfluss darauf.  

Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrtum nicht, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: die Wahrheit fordert, dass wir uns für beschränkt erkennen sollen, der Irrtum schmeichelt uns, wir seien auf die eine oder andere Weise unbegrenzt.  

Es ist immer dieselbe Welt, die der Betrachtung offen steht, die immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immer dieselben Menschen, die im Wahren oder Falschen leben, im letzten bequemer als im ersten.

Donnerstag, 1. Januar 2026

Alles, was wir treiben und tun, ist ein Abmüden; wohl dem, der nicht müde wird!