Freitag, 3. Januar 2014

 

Was ist dir Mignon? rief er aus, was ist dir? – Sie richtete ihr Köpfchen auf und sah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit einer Gebärde die Schmerzen verbeißt. Er hub sie auf und sie fiel auf seinen Schoß, er druckte sie an sich und küßte sie. Sie antwortete durch keinen Händedruck, durch keine Bewegung. Sie hielte ihr Herz fest und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch sogleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein gräßlicher Anblick.

 

Mein Kind! rief er aus, indem er sie aufhob und fest umarmte, mein Kind was ist dir? – Die Zuckung dauerte fort die vom Herzen sich den schlotternden Gliedern mitteilte, sie hing nur in seinen Armen. Er schloß sie an sein Herz und benetzte sie mit seinen Tränen. Auf einmal schien sie wieder angespannt und angespannter, wie eins das den höchsten körperlichen Schmerz erträgt; und bald, mit einer neuen Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig und sie warf sich ihm, wie ein Ressort das zuschlägt, um den Hals, indem in ihrem Innersten wie ein gewaltiger Riß geschah, und in dem Augenblicke floß ein Strom von Tränen aus ihren geschlossenen Augen in seinen Busen. Er hielte sie fest. Sie weinte, und weinte und keine Zunge spricht die Gewalt dieser Tränen aus.

 

Ihre langen Haare waren aufgegangen und hingen von der Weinenden nieder und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von Tränen unaufhaltsam dahin zu schmelzen. Ihre starren Glieder wurden gelinder, es ergoß sich ihr Innerstes und in der Verwirrung des Augenblickes fürchtete Wilhelm sie werde in seinen Armen zerschmelzen und er nichts von ihr übrig behalten. Er hielte sie nur fester und fester. – Mein Kind! rief er aus, mein Kind! du bist ja mein! wenn dich das Wort trösten kann! du bist mein! ich werde dich behalten! dich nicht verlassen! Ihre Tränen flossen noch immer. – Endlich richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem Gesichte. – Mein Vater! rief sie, du willst mich nicht verlassen! willst mein Vater sein! – Ich bin dein Kind!


 

 

Sanft fing vor der Türe die Harfe an zu klingen, der Alte brachte seine herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der sein Kind immer fester in den Armen haltend des reinsten und unbeschreiblichsten Glückes genoß.