Mittwoch, 5. Februar 2014

 

Wie sehr fühlte Wilhelm die Beschwerden dieses Zustandes und wie vergebens arbeitete er um sich daraus zu versetzen. Sein altes bürgerliches Verhältnis war schon wie durch eine Kluft von ihm getrennt und er in einen neuen Stand aufgenommen und eingeweiht da er noch als Fremdling in dessen Vorhöfen zu verweilen glaubte. Sein Geist ward vom hin- und wieder-Sinnen müde. Er ging endlich gedankenlos im Zimmer auf und nieder, sein gepreßtes Herz strebte nach Erleichterung und eine bängliche Wehmut bemächtigte sich seiner. Er warf sich in einen Sessel und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte: ob sie ihn aufwickeln dürfe? – Das Kind war eine Zeither stiller und immer stiller geworden, Wilhelm hatte sie ohne es zu merken vernachlässigt, sie fühlte es desto tiefer.

 Nichts ist rührender als wenn eine Liebe die sich im Stillen genährt, eine Treue die sich im Verborgenen befestiget hat, endlich dem der ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kömmt und offenbar wird. Die lang und streng verschlossene Knospe war reif und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher sein. Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. – Herr! rief sie aus, wenn du unglücklich bist, was soll aus Mignon werden? – Liebes Geschöpf, sagte er, indem er ihre Hände nahm, du bist auch mit unter meinen Schmerzen. – Sie sah ihm in die Augen, die von verhaltenen Tränen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder, er behielte ihre Hände sie legte ihr Haupt auf seine Knie und war ganz stille. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie blieb lange ruhig. Endlich fühlte er eine Art Zucken durch alle ihre Glieder, das ganz sachte anfing und sich stärker verbreitete.