Freitag, 15. März 2013
Hersilie
fiel ein: »Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der Oheim von den
Orientalen genommen, die an allen Wänden die Sprüche des Korans mehr verehren
als verstehen.« Juliette, ohne sich irren zu lassen, erwiderte auf obige Frage:
»Umschreiben Sie die wenigen Worte, so wird der Sinn alsobald hervorleuchten.«
»Wir
halten sein wunderliches Betragen für abgeredet mit dem Oheim. Er läßt seit
einigen Jahren nichts von sich hören, sendet anmutige, seinen Aufenthalt
verblümt andeutende Geschenke, schreibt nun auf einmal ganz aus der Nähe, will
aber nicht eher zu uns kommen, bis wir ihm von unsern Zuständen Nachricht
geben. Dies Betragen ist nicht natürlich; was auch dahinterstecke, wir müssen
es vor seiner Rückkehr erfahren. Heute abend geben wir Ihnen einen Heft Briefe,
woraus das Weitere zu ersehen ist.« Hersilie setzte hinzu: »Gestern machte ich
Sie mit einer törigen Landläuferin bekannt, heute sollen Sie von einem
verrückten Reisenden vernehmen.« – »Gestehe es nur«, fügte Juliette hinzu,
»diese Mitteilung ist nicht ohne Absicht.«
Mittwoch, 6. März 2013
Dienstag, 5. März 2013
Auf
die Frage des Oheims, was bisher begegnet, womit man sich unterhalten, fiel
Hersilie vorschnell ein: »Unser guter Gast hätte wohl über Ihre lakonischen
Inschriften verwirrt werden können, wäre ihm Juliette nicht durch einen
fortlaufenden Kommentar zu Hülfe gekommen.« – »Du hast es immer mit Julietten
zu tun«, versetzte der Oheim, »sie ist ein wackres Mädchen, das noch etwas
lernen und begreifen mag.« – »Ich möchte vieles gern vergessen, was ich weiß,
und was ich begriffen habe, ist auch nicht viel wert«, versetzte Hersilie in
Heiterkeit.
»Wenn
er vom besten Humor ist, mag er gern die Schrecknisse eines Familientisches
lebhaft schildern, wo jedes Glied mit fremden Gedanken beschäftigt sich
niedersetzt, ungern hört, in Zerstreuung spricht, muffig schweigt und, wenn gar
das Unglück kleine Kinder heranführt, mit augenblicklicher Pädagogik die
unzeitigste Mißstimmung hervorbringt. ›So manches Übel‹, sagt er, ›muß man
tragen, von diesem habe ich mich zu befreien gewußt.‹ Selten erscheint er an
unserm Tische und besetzt den Stuhl nur augenblicklich, der für ihn leer steht.
Seine Feldküche führt er mit sich umher, speist gewöhnlich allein, andere mögen
für sich sorgen. Wenn er aber einmal Frühstück, Nachtisch oder sonst
Erfrischung anbietet, dann versammeln sich alle zerstreuten Angehörigen, genießen
das Bescherte, wie Sie gesehen haben. Das macht ihm Vergnügen; aber niemand
darf kommen, der nicht Appetit mitbringt, jeder muß aufstehen, der sich gelabt
hat, und nur so ist er gewiß, immer von Genießenden umgeben zu sein. ›Will man
die Menschen ergötzen‹, hörte ich ihn sagen, ›so muß man ihnen das zu verleihen
suchen, was sie selten oder nie zu erlangen im Falle sind.‹«



