Soviel für heute.
So viel ist gewiß und haben Sie, als ein
Doctor longe experientissimus, vollkommen recht, daß eine dergleichen mäßige
Bewegung, das Gemüth erfrischt und den Körper in ein köstliches Gleichgewicht
bringt. Wie ich solches in meinem Leben mehr als einmal erfahren, dagegen auch
die Unbequemlichkeit gespürt habe, wenn ich mich von dem breiten Wege, auf dem
engen Pfad der Enthaltsamkeit und Sicherheit einleiten wollte.
Es war mein Vorsatz, Ihnen heute meinen Glückwunsch zum
Geburtstag selbst zu überbringen, aber weil ich zu spät aufstand und mich auch
nicht wohl fühlte, so mußte das gute Vorhaben für heute aufgegeben werden. Wir
haben aber mit herzlicher Teilnehmung Ihrer gedacht, und uns besonders der
Erinnerung an alles das Gute überlassen, was durch Sie bei uns gegründet worden
ist.
Goethe schrieb kurze Zeit nach der Einweihung (1825) seinem Dienstherrn, Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach: »Das Gebäude bewirkt schon selbst Kultur, wenn man es von außen ansieht und hineintritt. Die rohsten Kinder, die solche Treppen auf- und abgehen, durch solche Vorräume durchlaufen, in solchen heiteren Sälen Unterricht empfangen, sind schon auf der Stelle aller düstern Dummheit entrückt und sie können einer heitern Tätigkeit ungehindert entgegengehen.«
»Die kleine Schrift ist wirklich sehr gelungen,« sagte Goethe, »das
Material mit großer Umsicht und großem Fleiß zusammengebracht, sodann alles vom
Hauch der innigsten Liebe beseelt, und zugleich die Darstellung so knapp und
kurz, daß That auf That sich drängt und bei dem Anblick einer solchen Fülle von
Leben und Thun es uns zu Muthe wird, als würden wir von einem geistigen
Schwindel ergriffen. Der Kanzler hat seine Schrift auch nach Berlin geschickt
und darauf vor einiger Zeit einen höchst merkwürdigen Brief von Alexander
von Humboldt erhalten, den er nicht ohne tiefe Rührung habe lesen können.
Humboldt war dem Großherzog während eines langen Lebens auf das innigste
befreundet, welches freilich nicht zu verwundern, indem die reich angelegte
tiefe Natur des Fürsten immer nach neuem Wissen bedürftig und gerade Humboldt
der Mann war, der bei seiner großen Universalität auf jede Frage die beste und
gründlichste Antwort immer bereit hatte.
Nun fügte es sich in der That wunderbar, daß der Großherzog gerade die
letzten Tage vor seinem Tode in Berlin in fast beständiger Gesellschaft mit
Humboldt verleben, und daß er über manches wichtige Problem, was ihm am Herzen
lag, noch zuletzt von seinem Freunde Aufschluß erhalten konnte; und wiederum
war er nicht ohne höhere günstige Einwirkung, daß einer der größten Fürsten,
die Deutschtand je besessen, einen Mann wie Humboldt zum Zeugen seiner letzten
Tage und Stunden hatte. Ich habe mir von dem Briefe eine Abschrift nehmen
lassen und will Ihnen doch einiges daraus mittheilen.«
Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich
wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah
Thränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er mir
den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab, während ich
las.