Donnerstag, 11. Juni 2020
»Die Menge, die
Majorität, ist nothwendig immer absurd und verkehrt; denn sie ist bequem, und
das Falsche ist stets viel bequemer als die Wahrheit. Letztere will ernst
erforscht und rücksichtslos angeschaut und angewendet sein. Das Falsche aber
schmiegt sich an jede träge, bequeme oder thörichte Individualität an, ist wie
ein Firniß, mit dem man leicht alles übertüncht.«
»Wenn man in und für
die Zeit schreibt, ist es gar zu unangenehm, zu finden, daß man nichts auf sie
wirkt. Ja wenn man Schiller's und meinen Briefwechsel liest, da findet man
wohl, daß diese Kerls es sich ganz anders sauer werden, ganz höllisch ernst
sein ließen. Und man wundert sich, daß sie sich so viele Mühe geben mochten;
die albernen Burschen dachten nach, suchten sich Alles klar zu machen, Theorien
von dem, was sie geschaffen hatten, zu ergrübeln; hätten es sich leichter
machen können und lieber was Frisches schaffen.«
Mittwoch, 10. Juni 2020
Kant hat unstreitig
am meisten genützt, indem er die Grenzen zog, wie weit der menschliche Geist zu
dringen fähig sei, und daß er die unauflöslichen Probleme liegen ließ. Was hat
man nicht alles über Unsterblichkeit philosophirt! und wie weit ist man
gekommen? Ich zweifle nicht an unserer Fortdauer, denn die Natur kann die
Entelechie nicht entbehren; aber wir sind nicht auf gleiche Weise unsterblich,
und um sich künftig als große Entelechie zu manifestiren, muß man auch eine
sein.
Montag, 1. Juni 2020
Freitag, 29. Mai 2020
Mittwoch, 27. Mai 2020
Dienstag, 19. Mai 2020
»Das Schlimme ist,«
fuhr Goethe fort, »daß man im Leben so viel durch falsche Tendenzen ist
gehindert worden, und daß man nie eine solche Tendenz erkannt, als bis man sich
bereits davon freigemacht.«
»Woran aber,« sagte ich, »soll man sehen und wissen, daß eine Tendenz eine falsche sei?«
»Die falsche Tendenz,« antwortete Goethe, »ist nicht productiv, und wenn sie es ist, so ist das Hervorgebrachte von keinem Werth. Dieses an andern gewahr zu werden, ist nicht so gar schwer, aber an sich selber, ist ein eigenes Ding und will eine große Freiheit des Geistes. Und selbst das Erkennen hilft nicht immer; man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschließen, so wie es schwer hält, sich von einem geliebten Mädchen loszumachen, von deren Untreue man längst wiederholte Beweise hat. Ich sage dieses, indem ich bedenke, wie viele Jahre es gebrauchte, bis ich einsah, daß meine Tendenz zur bildenden Kunst eine falsche sei, und wie viele andere, nachdem ich es erkannt, mich davon loszumachen.«
»Woran aber,« sagte ich, »soll man sehen und wissen, daß eine Tendenz eine falsche sei?«
»Die falsche Tendenz,« antwortete Goethe, »ist nicht productiv, und wenn sie es ist, so ist das Hervorgebrachte von keinem Werth. Dieses an andern gewahr zu werden, ist nicht so gar schwer, aber an sich selber, ist ein eigenes Ding und will eine große Freiheit des Geistes. Und selbst das Erkennen hilft nicht immer; man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschließen, so wie es schwer hält, sich von einem geliebten Mädchen loszumachen, von deren Untreue man längst wiederholte Beweise hat. Ich sage dieses, indem ich bedenke, wie viele Jahre es gebrauchte, bis ich einsah, daß meine Tendenz zur bildenden Kunst eine falsche sei, und wie viele andere, nachdem ich es erkannt, mich davon loszumachen.«
Goethe las mir seine
Antwort an den König von Bayern. Er hatte sich dargestellt wie einen, der
persönlich die Stufen der Villa hinaufgeht und sich in des Königs unmittelbarer
Nähe mündlich äußert. »Es mag schwer sein,« sagte ich, »das richtige Verhältniß
zu treffen, wie man sich in solchen Fällen zu halten habe.«
»Wer wie ich,« antwortete Goethe, »sein ganzes Leben hindurch mit hohen Personen zu verkehren gehabt, für den ist es nicht schwer. Das einzige dabei ist, daß man sich nicht durchaus menschlich gehen lasse, vielmehr sich stets innerhalb einer gewissen Convenienz halte.«
»Wer wie ich,« antwortete Goethe, »sein ganzes Leben hindurch mit hohen Personen zu verkehren gehabt, für den ist es nicht schwer. Das einzige dabei ist, daß man sich nicht durchaus menschlich gehen lasse, vielmehr sich stets innerhalb einer gewissen Convenienz halte.«
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