Samstag, 25. April 2020
Und eben diese durchdringenden Augen des umsichtigen Mannes scheinen uns
ein Entsetzen zu verraten; er blickt auf eine fürchterliche Erscheinung, die
unmittelbar, unerwartet aus den Wellen bricht. Die Helden, sämtlich erstaunt,
feiern von der Arbeit. Herkules allein fährt fort, das Meer zu schlagen; was
den übrigen als Wunder erscheint, sind ihm bekannte Dinge. Rastlos gewohnt zu
arbeiten, strebt er kräftig vor wie nach, unbekümmert um alles nebenbei.
Alle
nun schauen auf Glaukus, der sich dem Meer enthebt. Dieser, sonst ein Fischer,
genoß vorwitzig Tang und Meerpflanze; die Wellen schlugen über ihm zusammen und
führten ihn hinab als Fisch zu den Fischen. Aber der übriggebliebene
menschliche Teil ward begünstigt: zukünftige Dinge kennt er, und nun steigt er
herauf, den Argonauten ihre Schicksale zu verkünden. Wir betrachten seine
Gestalt: aus seinen Locken, aus seinem Bart trieft, gießt das Meerwasser über Brust
und Schultern herab, anzudeuten die Schnelligkeit, womit er sich hervorhob.
Mittwoch, 22. April 2020
Sonntag, 12. April 2020
»Da sehen Sie einmal
einen vollkommenen Menschen,« sagte Goethe, »der schön gedacht und empfunden
hat und in dessen Gemüth eine Welt lag, wie man sie nicht leicht irgendwo
draußen antrifft. Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von
Wirklichkeit. Claude Lorrain kannte die reale Welt bis ins kleinste Detail
auswendig, und er gebrauchte sie als Mittel, um die Welt seiner schönen Seele
auszudrücken. Und das ist eben die wahre Idealität, die sich realer Mittel so
zu bedienen weiß, daß das erscheinende Wahre eine Täuschung hervorbringt, als
sei es wirklich.«
»Ich dächte,« sagte ich, »das wäre ein gutes Wort und zwar ebenso gültig in der Poesie wie in den bildenden Künsten.«
»Ich sollte meinen,« sagte Goethe.
»Indessen,« fuhr er fort, »wäre es wohl besser, Sie sparten sich den fernern Genuß des trefflichen Claude zum Nachtisch, denn die Bilder sind wirklich zu gut, um viele davon hintereinander zu sehen.«
»Ich fühle so,« sagte ich, »denn mich wandelt jedesmal eine gewisse Furcht an, wenn ich das folgende Blatt umwenden will. Es ist eine Furcht eigener Art, die ich vor diesem Schönen empfinde, so wie es uns wohl mit einem trefflichen Buche geht, wo gehäufte kostbare Stellen uns nöthigen innezuhalten, und wir nur mit einem gewissen Zaudern weiter gehen.«
»Ich dächte,« sagte ich, »das wäre ein gutes Wort und zwar ebenso gültig in der Poesie wie in den bildenden Künsten.«
»Ich sollte meinen,« sagte Goethe.
»Indessen,« fuhr er fort, »wäre es wohl besser, Sie sparten sich den fernern Genuß des trefflichen Claude zum Nachtisch, denn die Bilder sind wirklich zu gut, um viele davon hintereinander zu sehen.«
»Ich fühle so,« sagte ich, »denn mich wandelt jedesmal eine gewisse Furcht an, wenn ich das folgende Blatt umwenden will. Es ist eine Furcht eigener Art, die ich vor diesem Schönen empfinde, so wie es uns wohl mit einem trefflichen Buche geht, wo gehäufte kostbare Stellen uns nöthigen innezuhalten, und wir nur mit einem gewissen Zaudern weiter gehen.«
Dienstag, 31. März 2020
«Ja,» sagte Goethe, «die
›Elegien‹ liebt er besonders; er hat mich hier viel damit geplagt, ich sollte
ihm sagen, was an dem Factum sei, weil es in den Gedichten so anmuthig
erscheint, als wäre wirklich was Rechtes daran gewesen. Man bedenkt aber
selten, daß der Poet meistens aus geringen Anlässen was Gutes zu machen weiß.»
Mittwoch, 18. März 2020
»Ich muß bewundern,« sagte ich, »wie Napoleon bei solcher Jugend mit den großen Angelegenheiten der Welt so leicht und sicher zu spielen wußte, als wäre eine vieljährige Praxis und Erfahrung vorangegangen.«
«Liebes Kind,» sagte Goethe, «das ist das Angeborene des großen Talents. Napoleon behandelte die Welt wie Hummel seinen Flügel; beides erscheint uns wunderbar, wir begreifen das eine so wenig wie das andere, und doch ist es so und geschieht vor unsern Augen. Napoleon war darin besonders groß, daß er zu jeder Stunde derselbige war. Vor einer Schlacht, während einer Schlacht, nach einem Siege, nach einer Niederlage, er stand immer auf festen Füßen und war immer klar und entschieden, was zu thun sei. Er war immer in seinem Element und jedem Augenblick und jedem Zustande gewachsen, so wie es Hummeln gleichviel ist, ob er ein Adagio oder ein Allegro, ob er im Baß oder im Discant spielt. Das ist die Facilität, die sich überall findet wo ein wirkliches Talent vorhanden ist, in Künsten des Friedens wie des Kriegs, am Klavier wie hinter den Kanonen.»
Donnerstag, 12. März 2020
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