Rom, den 20.
Juni.
Nun hab' ich hier schon wieder treffliche
Kunstwerke gesehen, und mein Geist reinigt und bestimmt sich. Doch brauchte ich
wenigstens noch ein Jahr allein in Rom, um nach meiner Art den Aufenthalt
nutzen zu können, und ihr wißt, ich kann nichts auf andre Art. Jetzt, wenn ich scheide,
werde ich nur wissen, welcher Sinn mir noch nicht aufgegangen ist, und so sei
es denn eine Weile genug. Donnerstag, 25. April 2019
Rom, Ende Juni. -
Ich habe mich in eine zu große Schule begeben, als daß ich geschwind wieder aus
der Lehre gehen dürfte. Meine Kunstkenntnisse, meine kleinen Talente müssen
hier ganz durchgearbeitet, ganz reif werden, sonst bring' ich wieder euch einen
halben Freund zurück, und das Sehnen, Bemühen, Krabbeln und Schleichen geht von
neuem an. Ich würde nicht fertig werden, wenn ich euch erzählen sollte, wie mir
auch wieder alles diesen Monat hier geglückt ist, ja, wie mir alles auf einem
Teller ist präsentiert worden, was ich nur gewünscht habe. Ich habe ein schönes
Quartier, gute Hausleute. Tischbein geht nach Neapel, und ich beziehe sein
Studium, einen großen kühlen Saal. Wenn ihr mein gedenkt, so denkt an mich als
an einen Glücklichen; ich will oft schreiben, und so sind und bleiben wir
zusammen.
Auch neue Gedanken
und Einfälle hab' ich genug, ich finde meine erste Jugend bis auf Kleinigkeiten
wieder, indem ich mir selbst überlassen bin, und dann trägt mich die Höhe und
Würde der Gegenstände wieder so hoch und weit, als meine letzte Existenz nur
reicht. Mein Auge bildet sich unglaublich, und meine Hand soll nicht ganz
zurückbleiben. Es ist nur ein Rom in der Welt, und ich befinde mich hier wie
der Fisch im Wasser und schwimme oben wie eine Stückkugel im Quecksilber, die
in jedem andern Fluidum untergeht. Nichts trübt die Atmosphäre meiner Gedanken,
als daß ich mein Glück nicht mit meinen Geliebten teilen kann. Der Himmel ist
jetzt herrlich heiter, so daß Rom nur morgens und abends einigen Nebel hat. Auf
den Gebirgen aber, Albano, Castello, Frascati, wo ich vergangene Woche drei
Tage zubrachte, ist eine immer heitre reine Luft. Da ist eine Natur zu
studieren.
Mittwoch, 17. April 2019
Dienstag, 16. April 2019
Durch
diese beiden Freunde ward ich denn auch gar bald mit Merck bekannt, dem ich
durch Herdern, von Straßburg aus, nicht ungünstig angekündigt war. Dieser eigne
Mann, der auf mein Leben den größten Einfluß gehabt, war von Geburt ein
Darmstädter. Von seiner früheren Bildung wüßte ich wenig zu sagen. Nach
vollendeten Studien führte er einen Jüngling nach der Schweiz, wo er eine
Zeitlang blieb, und beweibt zurückkam. Als ich ihn kennen lernte, war er
Kriegszahlmeister in Darmstadt. Mit Verstand und Geist geboren, hatte er sich
sehr schöne Kenntnisse, besonders der neueren Literaturen, erworben, und sich
in der Welt- und Menschengeschichte nach allen Zeiten und Gegenden umgesehn.
Treffend und scharf zu urteilen war ihm gegeben. Man schätzte ihn als einen
wackern entschlossenen Geschäftsmann und fertigen Rechner. Mit Leichtigkeit
trat er überall ein, als ein sehr angenehmer Gesellschafter für die, denen er
sich durch beißende Züge nicht furchtbar gemacht hatte.
Er
war lang und hager von Gestalt, eine hervordringende spitze Nase zeichnete sich
aus, hellblaue, vielleicht graue Augen gaben seinem Blick, der aufmerkend hin
und wider ging, etwas Tigerartiges. Lavaters »Physiognomik« hat uns sein Profil
aufbewahrt. In seinem Charakter lag ein wunderbares Mißverhältnis: von Natur
ein braver, edler, zuverlässiger Mann, hatte er sich gegen die Welt erbittert,
und ließ diesen grillenkranken Zug dergestalt in sich walten, daß er eine
unüberwindliche Neigung fühlte, vorsätzlich ein Schalk, ja ein Schelm zu sein.
Verständig, ruhig, gut in einem Augenblick, konnte es ihm in dem andern
einfallen, wie die Schnecke ihre Hörner hervorstreckt, irgend etwas zu tun, was
einen andern kränkte, verletzte, ja was ihm schädlich ward.
Doch
wie man gern mit etwas Gefährlichem umgeht, wenn man selber davor sicher zu
sein glaubt, so hatte ich eine desto größere Neigung, mit ihm zu leben und
seiner guten Eigenschaften zu genießen, da ein zuversichtliches Gefühl mich
ahnden ließ, daß er seine schlimme Seite nicht gegen mich kehren werde. Wie er
sich nun, durch diesen sittlich unruhigen Geist, durch dieses Bedürfnis, die
Menschen hämisch und tückisch zu behandeln, von einer Seite das gesellige Leben
verdarb, so widersprach eine andere Unruhe, die er auch recht sorgfältig in
sich nährte, seinem innern Behagen. Er fühlte nämlich einen gewissen
dilettantischen Produktionstrieb, dem er um so mehr nachhing, als er sich in
Prosa und Versen leicht und glücklich ausdrückte, und unter den schönen
Geistern jener Zeit eine Rolle zu spielen gar wohl wagen durfte.
Ich
besitze selbst noch poetische Episteln von ungemeiner Kühnheit, Derbheit und
Swiftischer Galle, die sich durch originelle Ansichten der Personen und Sachen
höchlich auszeichnen, aber zugleich mit so verletzender Kraft geschrieben sind,
daß ich sie nicht einmal gegenwärtig publizieren möchte, sondern sie entweder
vertilgen, oder als auffallende Dokumente des geheimen Zwiespalts in unserer
Literatur der Nachwelt aufbewahren muß. Daß er jedoch bei allen seinen Arbeiten
verneinend und zerstörend zu Werke ging, war ihm selbst unangenehm, und er sprach
es oft aus, er beneide mich um meine unschuldige Darstellungslust, welche aus
der Freude an dem Vorbild und dem Nachgebildeten entspringe.
Mittwoch, 10. April 2019
Wie
selig kann man seine Freunde preisen die wenigstens das Unheil nicht mit Augen
sehen das in dieser Gegend und nun auch in dem unglücklichen Maynz angerichtet
wird. Ihre gütigen Briefe zeigen mir Sie auf dem gewöhnlichen ruhigen, obgleich
mitunter beschwerlichen Pfade der bürgerlichen Geschäfte und des häußlichen Lebens,
möge ein gutes Geschick Sie lange drauf erhalten.
Mich
wandelt in meiner jetzigen Lage eine Art Stupor an und ich finde den trivialen
Ausdruck: der Verstand steht mir still,
trefflich um die Lage meines Geistes auszudrucken. …
Abonnieren
Posts (Atom)
