Freitag, 2. November 2018


Aber das gestehe ich gern, die Art wie du mich bißher behandelt hast, kann ich nicht erdulden. Wenn ich gesprächig war hast du mir die Lippen verschloßen, wenn ich mittheilend war hast du mich der Gleichgültigkeit, wenn ich für Freunde thätig war, der Kälte und Nachlässigkeit beschuldigt. Jede meiner Minen hast du kontrollirt, meine Bewegungen, meine Art zu seyn getadelt und mich immer mal a mon aise gesetzt. Wo sollte da Vertrauen und Offenheit gedeihen, wenn du mich mit vorsätzlicher Laune von dir stießest.

Ich möchte gern noch manches hinzufügen, wenn ich nicht befürchtete daß es dich bey deiner Gemüthsverfassung eher beleidigen als versöhnen könnte.

Unglücklicher Weise hast du schon lange meinen Rath in Absicht des Caffees verachtet und eine Diät eingeführt, die deiner Gesundheit höchst schädlich ist. Es ist nicht genug daß es schon schwer hält manche Eindrücke moralisch zu überwinden, du verstärckst die Hypochondrische quälende Kraft der traurigen Vorstellungen durch ein physisches Mittel, dessen Schädlichkeit du eine Zeitlang wohl eingesehn und das du, dich wohl befunden hattest. Möge dir die Cur, die Reise recht wohl bekommen. Ich gebe die Hoffnung nicht ganz auf daß du mich wieder erkennen werdest. Lebe wohl. Fritz ist vergnügt und besucht mich fleisig. Der Prinz befindet sich frisch und munter.

Samstag, 20. Oktober 2018

Auch bei Schiller war ich schon einigemale, das erstemal eben nicht mit Glück. Ich trat hinein, wurde freundlich begrüßt, und bemerkte kaum im Hintergrunde einen Fremden, bei dem keine Miene, auch nachher lange kein Laut etwas besonders ahnden Ließ. Schiller nannte mich ihm, nannt' ihn auch mir, aber ich verstand seinen Namen nicht. Kalt, fast ohne einen Blick auf ihn begrüßt ich ihn, und war einzig im Innern und Äußern mit Schillern beschäftigt; der Fremde sprach lange kein Wort. Schiller brachte die Thalia, wo ein Fragment von meinem Hyperion u. mein Gedicht an das Schicksal gedruckt ist, und gab es mir. Da Schiller sich einen Augenblick darauf entfernte, nahm der Fremde das Journal vom Tische, wo ich stand, blätterte neben mir in dem Fragmente, und sprach kein Wort. Ich fühlt' es, daß ich über und über rot wurde. Hätt' ich gewußt, was ich jetzt weiß, ich wäre leichenblaß geworden. Er wandte sich darauf zu mir, erkundigte sich nach der Frau von Kalb, nach der Gegend und den Nachbarn unseres Dorfs, und ich beantwortete das alles so einsylbig, als ich vielleicht selten gewohnt bin. Aber ich hatte einmal meine Unglückssstunde. Schiller kam wieder, wir sprachen über das Theater in Weimar, der Fremde ließ ein paar Worte fallen, die gewichtig genug waren, um mich etwas ahnden zu lassen. Aber ich ahndete nichts. Der Maler Meyer aus Weimar kam auch noch. Der Fremde unterhielt sich über manches mit ihm. Aber ich ahndete nichts. lch ging, u. erfuhr an demselben Tage im Klub der Professoren, was meinst Du? daß Goethe diesen Mittag bei Schiller gewesen sei. Der Himmel helfe mir, mein Unglück, und meine dummen Streiche gut zu machen, wenn ich nach Weimar komme. Nachher speist ich bei Schiller zu Nacht, wo dieser mich so viel möglich tröstete, auch durch seine Heiterkeit, und seine Unterhaltung, worin sein ganzer kolossalischer Geist erschien, mich das Unheil, das mir das erstemal begegnete, vergessen ließ.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

 

Freylich da ich selbst gegenwärtig an einer strengen Revision meiner eignen Arbeiten bin, so erscheinen mir die Frauenzimmerlichkeiten unserer lieben kleinen Freundin noch etwas loser und lockerer als vorher, und mir wollen sehen wie wir uns eben durchhelfen.

Montag, 8. Oktober 2018


„Wer es getan habe, sei einerlei, nur gut, dass es geschehn, denn das Abscheuliche müsse geschehn.“ Bei Goethe ist das eine Art von Verzweiflung darüber, dass die Ruhe, die er liebt, sich ferner und ferner hält.
... und er rechnet auf ein derbes Honorar.

Mittwoch, 3. Oktober 2018


Was bedächtlich Natur sonst unter viele verteilet,
      Gab sie mit reichlicher Hand alles der Einzigen, ihr.
Und die so herrlich Begabte, von vielen so innig Verehrte,
     Gab ein liebend Geschick freundlich dem Glücklichen, mir.

Montag, 1. Oktober 2018


Ein siebenfüssiger Hexameter

Gymnasiallehrer Heinrich Voss der Jüngere entdeckte in einer von Goethes Elegien einen siebenfüssigen Hexameter. Goethe liess sich die Stelle im mitgebrachten Buch zeigen. „Ja, wahrhaftig“, rief Goethe. Dann reichte ihm Voss einen Bleistift, um den Vers zu verbessern. Goethe gab ihm jedoch zurück mit den Worten: „Weil die Bestie einmal da ist, mag sie ruhig dableiben.“

Samstag, 29. September 2018


Lord August Bristol, Bischof von Derry, war sehr ungehalten über Goethes Werk „Die Leiden des jungen Werthers“. Er war der Meinung, dadurch würde er Menschen zum Selbstmord verleiten. „Das ist ein unmoralisches, verdammungswürdiges Buch“, erklärte er.

Goethe sagte, er solle kein Wort mehr weiter äussern. Dann bemerkte er: „Sprechen Sie etwa so auch zu den Grossen dieser Welt, die mit einem Federstrich und den Stilübungen ihrer Diplomaten zu Gefallen, Hunderttausende ins Feld schicken, achtzigtausend totschlagen lassen und ihre Untertanen zum Mord, Raub, Notzucht, sogar zum Meuchelmord verleiten? Darüber stimmen Sie ein Tedeum an!“