So
wurde ich denn als ein junger Bewohner einer großen Stadt von einem Gegenstand
zum andern hin und wider geworfen, und es fehlte mitten in der bürgerlichen
Ruhe und Sicherheit nicht an gräßlichen Auftritten. Bald weckte ein näherer
oder entfernter Brand uns aus unserm häuslichen Frieden, bald setzte ein
entdecktes großes Verbrechen, dessen Untersuchung und Bestrafung die Stadt auf
viele Wochen in Unruhe. Wir mußten Zeugen von verschiedenen Exekutionen sein,
und es ist wohl wert, zu gedenken, daß ich auch bei Verbrennung eines Buchs
gegenwärtig gewesen bin. Es war der Verlag eines französischen komischen
Romans, der zwar den Staat, aber nicht Religion und Sitten schonte. Es hatte
wirklich etwas Fürchterliches, eine Strafe an einem leblosen Wesen ausgeübt zu
sehen. Die Ballen platzten im Feuer und wurden durch Ofengabeln aus einander
geschürt und mit den Flammen mehr in Berührung gebracht. Es dauerte nicht
lange, so flogen die angebrannten Blätter in der Luft herum, und die Menge
haschte begierig darnach. Auch ruhten wir nicht, bis wir ein Exemplar auftrieben,
und es waren nicht wenige, die sich das verbotne Vergnügen gleichfalls zu
verschaffen wußten. Ja, wenn es dem Autor um Publizität zu tun war, so hätte er
selbst nicht besser dafür sorgen können.
Freitag, 1. Juli 2016
Montag, 20. Juni 2016
Wir kamen auf die Paria's-Gedichte zu sprechen und auf den ewigen Hang der Menschen zu Unterscheidung der Kasten. »Jeder Mensch,« sagte er, »schlägt die Vortheile der Geburt blos deßwegen so hoch an, weil sie etwas Unbestreitbares sind. Alles was man erwirbt, leistet, durch Anstrengung verdient, bleibt dagegen ewig von der Verschiedenheit der Urtheile und Ansichten abhängig. Eine Aussöhnung hierüber ist vergeblich, macht das Übel nur schlimmer, wie es z.B. die Bürger mit dem Luxus einer Hoftafel nicht versöhnt, wenn man einige aus ihrer Mitte zuweilen daran Theil nehmen läßt.«
Samstag, 18. Juni 2016
Das
Individuum gewinne hiernach in seiner höchsten Entfaltung überindividuellen
Rang, vermöge die Lebenserfahrungen ungezählter Individuen in sich aufzunehmen
und dabei zur Reife zu bringen, freilich assimiliert, in eine neue Einheit
überführt, erhalte und steigere doch das Genie in diesen Aneignungsprozessen
seinen Charakter oder die seinem Daimon entsprechende »Grundbestimmung«.
Wir streifen hier unversehens Goethes alten
Glauben an die »Entelechie«, die individuelle seelische Kraft, die,
unsterblich, zu ihrer Vervollkommnung immer neue Verbindungen eingehen müsse,
dabei schwächere »entelechische Monaden« in ihren Bann ziehe, ihrerseits aber
auch einer mächtigeren Hauptmonade untergeordnet werden könne. Die Möglichkeit
einer bloß energetischen Unsterblichkeit einmal unterstellt, scheint es jedoch
für Goethe selbst fraglich geblieben zu sein, inwiefern bei all den
Metamorphosen der Monaden, ihren Rangkämpfen und Abhängigkeiten (vom eigenen
Körper, von anderen Lebewesen oder gar Gestirnen) noch sinnvoll von
Individualität zu sprechen wäre .
Samstag, 11. Juni 2016
Donnerstag, 26. Mai 2016
Selbst
ein Herkules sei ein Kollektivwesen, und selbst ein Genie bedürfe der guten
Einfälle derer, die es umgeben, sagte Goethe im Februar 1832, einen Monat vor
seinem Tod, zu Frédéric Soret. »Was bin ich denn selbst, was habe ich
geleistet? Alles, was ich gesehen, gehört und beobachtet habe, habe ich
gesammelt und ausgenutzt. Meine Werke sind von unzähligen verschiedenen
Individuen genährt worden, von Ignoranten und Weisen, Leuten von Geist und von
Dummköpfen; die Kindheit, das reife und das Greisenalter, alle haben mir ihre
Gedanken entgegengebracht, ihre Fähigkeiten, Hoffnungen und Lebensansichten.
Ich habe oft geerntet, was andere gesät haben, mein Werk ist das eines
Kollektivwesens, das den Namen Goethe trägt.«
Freitag, 20. Mai 2016
Als man dem Dichter
mitteilte, man wolle ihm zu Ehren den Faust am Hoftheater spielen, wobei wohl
La Roche, der den Mephisto darstellte, der drängendste Sprecher war, fuhr Goethe
auf, wie von einer Bremse gestochen. "Ist es billig, über meine Werke zu
verfügen, ohne zu fragen, was ich selbst damit vorhabe? Bin ich denn nicht mehr
am Leben? Beschlossen hat man?" Goethe ging wütend in seinem Zimmer auf und ab.
Die Beschließer befanden sich in einer peinlichen Lage. Trotzdem fand die
Aufführung statt, doch Goethe hat sie nicht besucht.
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