Freitag, 1. Juli 2016


So wurde ich denn als ein junger Bewohner einer großen Stadt von einem Gegenstand zum andern hin und wider geworfen, und es fehlte mitten in der bürgerlichen Ruhe und Sicherheit nicht an gräßlichen Auftritten. Bald weckte ein näherer oder entfernter Brand uns aus unserm häuslichen Frieden, bald setzte ein entdecktes großes Verbrechen, dessen Untersuchung und Bestrafung die Stadt auf viele Wochen in Unruhe. Wir mußten Zeugen von verschiedenen Exekutionen sein, und es ist wohl wert, zu gedenken, daß ich auch bei Verbrennung eines Buchs gegenwärtig gewesen bin. Es war der Verlag eines französischen komischen Romans, der zwar den Staat, aber nicht Religion und Sitten schonte. Es hatte wirklich etwas Fürchterliches, eine Strafe an einem leblosen Wesen ausgeübt zu sehen. Die Ballen platzten im Feuer und wurden durch Ofengabeln aus einander geschürt und mit den Flammen mehr in Berührung gebracht. Es dauerte nicht lange, so flogen die angebrannten Blätter in der Luft herum, und die Menge haschte begierig darnach. Auch ruhten wir nicht, bis wir ein Exemplar auftrieben, und es waren nicht wenige, die sich das verbotne Vergnügen gleichfalls zu verschaffen wußten. Ja, wenn es dem Autor um Publizität zu tun war, so hätte er selbst nicht besser dafür sorgen können.


Montag, 20. Juni 2016

„Wollen wir denn hier überall im Absurden vorausgehen, alles Fratzenhafte zuerst probieren?“ sagte er unter anderem.
Wir kamen auf die Paria's-Gedichte zu sprechen und auf den ewigen Hang der Menschen zu Unterscheidung der Kasten. »Jeder Mensch,« sagte er, »schlägt die Vortheile der Geburt blos deßwegen so hoch an, weil sie etwas Unbestreitbares sind. Alles was man erwirbt, leistet, durch Anstrengung verdient, bleibt dagegen ewig von der Verschiedenheit der Urtheile und Ansichten abhängig. Eine Aussöhnung hierüber ist vergeblich, macht das Übel nur schlimmer, wie es z.B. die Bürger mit dem Luxus einer Hoftafel nicht versöhnt, wenn man einige aus ihrer Mitte zuweilen daran Theil nehmen läßt.«

Samstag, 18. Juni 2016


Das Individuum gewinne hiernach in seiner höchsten Entfaltung überindividuellen Rang, vermöge die Lebenserfahrungen ungezählter Individuen in sich aufzunehmen und dabei zur Reife zu bringen, freilich assimiliert, in eine neue Einheit überführt, erhalte und steigere doch das Genie in diesen Aneignungsprozessen seinen Charakter oder die seinem Daimon entsprechende »Grundbestimmung«.
Wir streifen hier unversehens Goethes alten Glauben an die »Entelechie«, die individuelle seelische Kraft, die, unsterblich, zu ihrer Vervollkommnung immer neue Verbindungen eingehen müsse, dabei schwächere »entelechische Monaden« in ihren Bann ziehe, ihrerseits aber auch einer mächtigeren Hauptmonade untergeordnet werden könne. Die Möglichkeit einer bloß energetischen Unsterblichkeit einmal unterstellt, scheint es jedoch für Goethe selbst fraglich geblieben zu sein, inwiefern bei all den Metamorphosen der Monaden, ihren Rangkämpfen und Abhängigkeiten (vom eigenen Körper, von anderen Lebewesen oder gar Gestirnen) noch sinnvoll von Individualität zu sprechen wäre .

Samstag, 11. Juni 2016


Ob du unsern Mosleminen
Auch recht eigentlich verwandt? 
Ob dein Kämpfen, dein Verdienen
Dich ans Paradies gesandt?

Donnerstag, 26. Mai 2016


Qui suis-je? Qu'ai-je créé? J'ai tout reçu, tout accueilli, j'ai assimilé tout ce qui passait à ma portée. Mon œuvre est celle d'un être collectif qui porte un nom Goethe.

Selbst ein Herkules sei ein Kollektivwesen, und selbst ein Genie bedürfe der guten Einfälle derer, die es umgeben, sagte Goethe im Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, zu Frédéric Soret. »Was bin ich denn selbst, was habe ich geleistet? Alles, was ich gesehen, gehört und beobachtet habe, habe ich gesammelt und ausgenutzt. Meine Werke sind von unzähligen verschiedenen Individuen genährt worden, von Ignoranten und Weisen, Leuten von Geist und von Dummköpfen; die Kindheit, das reife und das Greisenalter, alle haben mir ihre Gedanken entgegengebracht, ihre Fähigkeiten, Hoffnungen und Lebensansichten. Ich habe oft geerntet, was andere gesät haben, mein Werk ist das eines Kollektivwesens, das den Namen Goethe trägt.«

Freitag, 20. Mai 2016


Ich komm’! Ich komme!
Wohin? Ach, wohin?


 
Als man dem Dichter mitteilte, man wolle ihm zu Ehren den Faust am Hoftheater spielen, wobei wohl La Roche, der den Mephisto darstellte, der drängendste Sprecher war, fuhr Goethe auf, wie von einer Bremse gestochen. "Ist es billig, über meine Werke zu verfügen, ohne zu fragen, was ich selbst damit vorhabe? Bin ich denn nicht mehr am Leben? Beschlossen hat man?" Goethe ging wütend in seinem Zimmer auf und ab. Die Beschließer befanden sich in einer peinlichen Lage. Trotzdem fand die Aufführung statt, doch Goethe hat sie nicht besucht.