Freitag, 14. April 2006

 

Über wenige Dinge hat Goethe tiefer und origineller gedacht als über den Sinn der Umgangsformen. Er ist der Philosoph und Ethiker des Betragens, der rückschauende Lobredner der letzten „Gesellschaft“, die es in Europa, die es vielleicht überhaupt gegeben hat, sofern man wenigstens „Gesellschaft“ in ihrem ursprünglichen Sinn nimmt als Organisation der Erotik.

 

... Und darum ist die Goethesche Welt häufig einem jähen Verblassen ausgesetzt, fällt es wie Mehltau und Reif des Todes plötzlich auf ihre mittaglichen Schäferspiele, dass ihre Gestalten sich in Schatten und Lemuren wandeln. Man erinnere sich, wie z.B. Wilhelm Meisters Lehrjahre zum Schluss hin immer hölzerner, magerer und frostiger werden, um mit dem schauerlichen Symbol der Einbalsamierung der toten Mignon abzuschliessen. Man sehe in den Wanderjahren die gespenstischen Revenants aus dem ersten Teil, da denn selbst Philine dem Schicksal nicht entgeht, den Tod ihrer Jugend zu überleben. Man würdige zumal den zweiten Faust mit seinem Triumph des Gespensterhimmels, des hohlen Jenseits über die wenigstens doch farbige Hölle.

Montag, 10. April 2006

Goethe sagte zu Herder: „Ich nehme jetzt die Grundsätze meines gnädigen Herrn an, er gibt mir zu essen, es ist daher meine Schuldigkeit, dass ich seiner Meinung bin.“

Dienstag, 28. März 2006

Gemütliche Stunde vorher mit Meyer und Riemer bei Goethe. „Wie sehe ich aus?“ frug der nackte, ölbestrichene Kaiser Commodus, umhangen von einer Löwenhaut, den Schuster am Capitolinus. „Wie ein Narr“, antwortete dieser.
Unser physisches sowohl als geselliges Leben, Sitten, Gewohnheiten, Weltklugheit, Philosophie, Religion, ja so manches zufällige Ereignis, alles ruft uns zu, dass wir entsagen sollen. So manches, was uns innerlich eigenst angehört, sollen wir nicht nach außen hervorbilden; was wir von außen zu Ergänzung unsres Wesens bedürfen, wird uns entzogen, dagegen aber so vieles aufgedrungen, das uns so fremd als lästig ist. Man beraubt uns des mühsam Erworbenen, des freundlich Gestatteten, und ehe wir hierüber recht ins klare sind, finden wir uns genötigt, unsere Persönlichkeit erst stückweise und dann völlig aufzugeben. Dabei ist es aber hergebracht, dass man denjenigen nicht achtet, der sich deshalb ungebärdig stellt; vielmehr soll man, je bitterer der Kelch ist, eine desto süßere Miene machen, damit ja der gelassene Zuschauer nicht durch irgendeine Grimasse beleidigt werde. Diese schwere Aufgabe jedoch zu lösen, hat die Natur den Menschen mit reichlicher Kraft, Tätigkeit und Zähigkeit ausgestattet. Besonders aber kommt ihm der Leichtsinn zu Hilfe, der ihm unzerstörbar verliehen ist. Hierdurch wird er fähig, dem Einzelnen in jedem Augenblick zu entsagen, wenn er nur im nächsten Moment nach etwas Neuem greifen darf; und so stellen wir uns unbewusst unser ganzes Leben immer wieder her. Wir setzen eine Leidenschaft an die Stelle der andern; Beschäftigungen, Neigungen, Liebhabereien, Steckenpferde, alles probieren wir durch, um zuletzt auszurufen, dass alles eitel sei. Niemand entsetzt sich vor diesem falschen, ja gotteslästerlichen Spruch; ja, man glaubt etwas Weises und Unwiderlegliches gesagt zu haben. Nur wenige Menschen gibt es, die diese unerträgliche Empfindung vorausahnen und, um allen partiellen Resignationen auszuweichen, sich ein für allemal im Ganzen resignieren. Diese überzeugen sich von dem Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen und suchen sich solche Begriffe zu bilden, welche unverwüstlich sind, ja, durch die Betrachtung des Vergänglichen nicht aufgehoben, sondern viel mehr bestätigt werden. Weil aber hierin wirklich etwas Übermenschliches liegt, so werden solche Personen gewöhnlich für Unmenschen gehalten, für Gott- und Weltlose; ja, man weiß nicht, was man ihnen alles für Hörner und Klauen andichten soll.
Die Hoffnung, immer vernünftiger zu werden, uns von den äußeren Dingen, ja, von uns selbst immer unabhängiger zu machen, konnten wir nicht aufgeben. Das Wort Freiheit klingt so schön, dass man es nicht entbehren könnte, und wenn es einen Irrtum bezeichnete.

Freitag, 24. März 2006

Vom künftigen Jubelfeste des Großherzogs, 3. September 1825, sprachen wir viel, da mir daran gelegen war seine Ideen zu erforschen. Ich schlug Medaille, Triumphbogen, Versammlung von Deputirten aus allen Ortschaften vor. Zur Medaille, wenn das Bild des Fürsten darauf geprägt werden sollte, meinte er, bedürfe es durchaus der Einwilligung des Großherzogs selbst. Überraschung dürfe ohnehin bei einem Fürsten nicht statuirt werden. Die Idee des Triumphbogens am Eingange des Schloßhofes sprach ihn sehr an, Repräsentanten des Landes aber seien langweilig, wenn nicht schöne Repräsentantinnen dazu kämen.

Sonntag, 19. Februar 2006

Unter andern sagte er auch, daß er vierzehn Tage vor der Abreise aus Rom täglich wie ein Kind geweint habe.

Donnerstag, 9. Februar 2006

Er spricht gern und mit leidenschaftlichen Erinnerungen von Italien; aber was er mir davon erzählt hat, gab mir die treffendste und gegenwärtigste Vorstellung von diesem Lande und diesen Menschen. Vorzüglich weiß er einem anschaulich zu machen, daß die Nation mehr als jede andere europäische in gegenwärtigen Genüssen lebt, weit die Milde und Fruchtbarkeit des Himmelstriches die Bedürfnisse einfacher macht und ihre Erwerbung erleichtert. – Alle ihre Laster und Tugenden sind die natürlichen Folgen einer feurigen Sinnlichkeit. Er eifert sehr gegen die Behauptung, daß in Neapel so viele müßige Menschen seien. Das Kind von fünf Jahren soll dort schon anfangen zu erwerben; aber freilich ist es ihnen weder nöthig noch möglich, ganze Tage, wie wir thun, der Arbeit zu widmen. In Rom ist keine Debauche mit ledigen Frauenzimmern, aber desto hergebrachter mit verheiratheten. Umgekehrt ist es in Neapel. Überhaupt soll man in der Behandlung des anderen Geschlechts hier die Annäherung an den Orient sehr stark wahrnehmen.

Samstag, 28. Januar 2006

Die Poeten schreiben alle, als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett. Alle sprechen sie von dem Leiden und dem Jammer der Erde und von den Freuden des Jenseit, und unzufrieden, wie sie schon alle sind, hetzt einer den andern in noch grössere Unzufriedenheit hinein. Das ist ein wahrer Missbrauch der Poesie, die uns doch eigentlich dazu gegeben ist, um die kleinen Zwiste des Lebens auszugleichen und den Menschen mit der Welt und seinem Zustand zufrieden zu machen. Aber die jetzige Generation fürchtet sich vor aller echten Kraft, und nur bei der Schwäche ist es ihr gemütlich und poetisch zu Sinne.