Samstag, 16. August 2025
Dienstag, 12. August 2025
»Die kleine Schrift ist wirklich sehr gelungen,« sagte Goethe, »das
Material mit großer Umsicht und großem Fleiß zusammengebracht, sodann alles vom
Hauch der innigsten Liebe beseelt, und zugleich die Darstellung so knapp und
kurz, daß That auf That sich drängt und bei dem Anblick einer solchen Fülle von
Leben und Thun es uns zu Muthe wird, als würden wir von einem geistigen
Schwindel ergriffen. Der Kanzler hat seine Schrift auch nach Berlin geschickt
und darauf vor einiger Zeit einen höchst merkwürdigen Brief von Alexander
von Humboldt erhalten, den er nicht ohne tiefe Rührung habe lesen können.
Humboldt war dem Großherzog während eines langen Lebens auf das innigste
befreundet, welches freilich nicht zu verwundern, indem die reich angelegte
tiefe Natur des Fürsten immer nach neuem Wissen bedürftig und gerade Humboldt
der Mann war, der bei seiner großen Universalität auf jede Frage die beste und
gründlichste Antwort immer bereit hatte.
Nun fügte es sich in der That wunderbar, daß der Großherzog gerade die
letzten Tage vor seinem Tode in Berlin in fast beständiger Gesellschaft mit
Humboldt verleben, und daß er über manches wichtige Problem, was ihm am Herzen
lag, noch zuletzt von seinem Freunde Aufschluß erhalten konnte; und wiederum
war er nicht ohne höhere günstige Einwirkung, daß einer der größten Fürsten,
die Deutschtand je besessen, einen Mann wie Humboldt zum Zeugen seiner letzten
Tage und Stunden hatte. Ich habe mir von dem Briefe eine Abschrift nehmen
lassen und will Ihnen doch einiges daraus mittheilen.«
Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich
wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah
Thränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er mir
den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab, während ich
las.
Sonntag, 10. August 2025
Ich gab Goethen über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu
erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er war.
Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge aufgefaßt,
die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur des vorzüglichsten
Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! Ich kann es am besten sagen, denn es
kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch wie ich selber. Ist es aber
nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist und daß auch ein solcher Mensch so
früh dahin muß? Nur ein lumpiges Jahrhundert länger, und wie würde er an so
hoher Stelle seine Zeit vorwärts gebracht haben!»
«Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so rasch zum Ziele als wir
denken und wünschen. Immer sind die retardirenden Dämonen da, die überall
dazwischen- und überall entgegentreten, sodaß es zwar im ganzen vorwärts geht,
aber sehr langsam. Leben Sie nur fort, und Sie werden schon finden, daß ich
recht habe.«
»Die Entwickelung der Menschheit,« sagte ich, »scheint aus Jahrtausende
angelegt.«
»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »vielleicht auf Millionen! Aber laß die
Menschheit dauern so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen fehlen,
die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Noth, damit sie ihre Kräfte
entwickele. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber besser, glücklicher
und thatkräftiger nicht oder doch nur auf Epochen.
Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er abermals
alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich bin gewiß, es ist
alles danach angelegt, und es steht in der fernen Zukunft schon Zeit und Stunde
fest, wann diese Verjüngungsepoche eintritt. Aber die dahin hat es sicher noch
gute Weile, und wir können noch Jahrtausende und aber Jahrtausende aus dieser
lieben alten Fläche, wie sie ist, allerlei Spaß haben.«



