Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen.
Samstag, 5. Dezember 2020
Schiller erscheint hier, wie immer, im absoluten Besitz seiner erhabenen Natur; er ist so groß am Theetisch, wie er es im Staatsrath gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein! Wir andern dagegen fühlen uns immer bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben auf uns ihren Einfluß; der Theelöffel geniert uns, wenn er von Gold ist, da er von Silber sein sollte: und so, durch tausend Rücksichten paralysirt, kommen wir nicht dazu, was etwa Großes in unserer Natur sein möchte, frei auszulassen. Wir sind die Sklaven der Gegenstände und erscheinen geringe oder bedeutend, je nachdem uns diese zusammenziehen oder zu freier Ausdehnung Raum geben.«
Mittwoch, 25. November 2020
Herders sind wieder von Ilmenau zurück und haben mich zum Eintritt mit unangenehmen Sachen unterhalten, die sie nichts angehn. Ich habe beschlossen die Frau nächstens beym Lippen zu kriegen und ihr meine Herzensmynung zu sagen, sie mag alsdenn referiren, und es ist sehr gut dass mann sich erklärt, und gewisse Dinge ein für allemal nicht leidet.
Montag, 23. November 2020
Sprechen wir es aber aufrichtig aus: ein eigentlicher Lebemann, der frei und praktisch atmet, hat kein ästhetisches Gefühl und keinen Geschmack, ihm genügt Realität im Handeln, Genießen, Betrachten ebenso wie im Dichten; und wenn der Orientale, seltsame Wirkung hervorzubringen, das Ungereimte zusammenreimt, so soll der Deutsche, dem dergleichen wohl auch begegnet, dazu nicht scheel sehen.
Donnerstag, 12. November 2020
Montag, 2. November 2020
Von
einem Engländer wird erzählt, er habe sich aufgehangen, um nicht mehr täglich
sich aus- und anzuziehn. Ich kannte einen wackeren Gärtner, den Aufseher einer
großen Parkanlage, der einmal mit Verdruß ausrief: »Soll ich denn immer diese
Regenwolken von Abend gegen Morgen ziehen sehn!« Man erzählt von einem unserer
trefflichsten Männer, er habe mit Verdruß das Frühjahr wieder aufgrünen gesehn,
und gewünscht, es möchte zur Abwechselung einmal rot erscheinen. Dieses sind
eigentlich die Symptome des Lebensüberdrusses, der nicht selten in den
Selbstmord ausläuft, und bei denkenden in sich gekehrten Menschen häufiger war,
als man glauben kann.
Nichts aber veranlaßt mehr diesen Überdruß, als die Wiederkehr der Liebe. Die erste Liebe, sagt man mit Recht, sei die einzige: denn in der zweiten und durch die zweite geht schon der höchste Sinn der Liebe verloren. Der Begriff des Ewigen und Unendlichen, der sie eigentlich hebt und trägt, ist zerstört, sie erscheint vergänglich wie alles Wiederkehrende. Die Absonderung des Sinnlichen vom Sittlichen, die in der verflochtenen kultivierten Welt die liebenden und begehrenden Empfindungen spaltet, bringt auch hier eine Übertriebenheit hervor, die nichts Gutes stiften kann.
