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»Da sehen Sie einmal
einen vollkommenen Menschen,« sagte Goethe, »der schön gedacht und empfunden
hat und in dessen Gemüth eine Welt lag, wie man sie nicht leicht irgendwo
draußen antrifft. Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von
Wirklichkeit. Claude Lorrain kannte die reale Welt bis ins kleinste Detail
auswendig, und er gebrauchte sie als Mittel, um die Welt seiner schönen Seele
auszudrücken. Und das ist eben die wahre Idealität, die sich realer Mittel so
zu bedienen weiß, daß das erscheinende Wahre eine Täuschung hervorbringt, als
sei es wirklich.«
»Ich dächte,« sagte ich, »das wäre ein gutes Wort und zwar ebenso gültig in der
Poesie wie in den bildenden Künsten.«
»Ich sollte meinen,« sagte Goethe.
»Indessen,« fuhr er fort, »wäre es wohl besser, Sie sparten sich den fernern
Genuß des trefflichen Claude zum Nachtisch, denn die Bilder sind wirklich zu
gut, um viele davon hintereinander zu sehen.«
»Ich fühle so,« sagte ich, »denn mich wandelt jedesmal eine gewisse Furcht an,
wenn ich das folgende Blatt umwenden will. Es ist eine Furcht eigener Art, die
ich vor diesem Schönen empfinde, so wie es uns wohl mit einem trefflichen Buche
geht, wo gehäufte kostbare Stellen uns nöthigen innezuhalten, und wir nur mit
einem gewissen Zaudern weiter gehen.«
«Ja,» sagte Goethe, «die
›Elegien‹ liebt er besonders; er hat mich hier viel damit geplagt, ich sollte
ihm sagen, was an dem Factum sei, weil es in den Gedichten so anmuthig
erscheint, als wäre wirklich was Rechtes daran gewesen. Man bedenkt aber
selten, daß der Poet meistens aus geringen Anlässen was Gutes zu machen weiß.»
»Ich
muß bewundern,« sagte ich, »wie Napoleon bei solcher Jugend mit den großen
Angelegenheiten der Welt so leicht und sicher zu spielen wußte, als wäre eine
vieljährige Praxis und Erfahrung vorangegangen.«
«Liebes
Kind,» sagte Goethe, «das ist das Angeborene des großen Talents. Napoleon
behandelte die Welt wie Hummel seinen Flügel; beides erscheint uns wunderbar,
wir begreifen das eine so wenig wie das andere, und doch ist es so und
geschieht vor unsern Augen. Napoleon war darin besonders groß, daß er zu jeder
Stunde derselbige war. Vor einer Schlacht, während einer
Schlacht, nach einem Siege, nach einer Niederlage, er stand immer auf festen
Füßen und war immer klar und entschieden, was zu thun sei. Er war immer in
seinem Element und jedem Augenblick und jedem Zustande gewachsen, so wie es
Hummeln gleichviel ist, ob er ein Adagio oder ein Allegro, ob er im Baß oder im
Discant spielt. Das ist die Facilität, die sich überall findet wo ein
wirkliches Talent vorhanden ist, in Künsten des Friedens wie des Kriegs, am
Klavier wie hinter den Kanonen.»
Die Zeitungen wurden gebracht, worein wir uns theilten, in Erwartung der Suppe.
Die Deutschen aber
gehen jeder seinem Kopfe nach, jeder sucht sich selber genug zu thun, er fragt
nicht nach dem andern; denn in jedem lebt, wie Guizot richtig gefunden hat, die
Idee der persönlichen Freiheit, woraus denn, wie gesagt, viel Treffliches
hervorgeht, aber auch viel Absurdes.
«Liebes Kind,» sagte
Goethe, «ein Name ist nichts Geringes. Hat doch Napoleon eines großen Namens
wegen fast die halbe Welt in Stücke geschlagen!»
«Eine
eigene Zaubergewalt,» sagte ich, «mußte er in seiner Persönlichkeit haben, daß
die Menschen ihm sogleich zufielen und anhingen und sich von ihm leiten ließen.»
«Allerdings,»
sagte Goethe, «war seine Persönlichkeit eine überlegene. Die Hauptsache aber
bestand darin, daß die Menschen gewiß waren, ihre Zwecke unter ihm zu
erreichen. Deshalb fielen sie ihm zu, sowie sie es jedem thun, der ihnen eine
ähnliche Gewißheit einflößt. Fallen doch die Schauspieler einem neuen Regisseur
zu, von dem sie glauben, daß er sie in gute Rollen bringen werde. Dies ist ein
altes Märchen, das sich immer wiederholt; die menschliche Natur ist einmal so
eingerichtet. Niemand dient einem andern aus freien Stücken, weiß er aber, daß
er damit sich selber dient, so thut er es gern. Napoleon kannte die Menschen zu
gut, und er wußte von ihren Schwächen den gehörigen Gebrauch zu machen.»
Das Böhmen ist ein
eigenes Land, ich bin dort immer gern gewesen. Die Bildung der Literatoren hat
noch etwas Reines, welches im nördlichen Deutschland schon anfängt selten zu
werden, indem hier jeder Lump schreibt, bei dem an ein sittliches Fundament und
eine höhere Absicht nicht zu denken ist.
Wir
waren darauf noch eine Weile heiter beisammen, und Goethe bewirthete mich
zuletzt noch mit vielem Honig, auch mit einigen Datteln, die ich mitnahm.
Prächtige
Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man
sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter.
Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in
einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und
untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind,
ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das
Rechte; es läßt meiner inneren Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir
selber zu schaffen.