Donnerstag, 5. März 2020
Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter.
Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner inneren Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.
Freitag, 28. Februar 2020
An Carl Ludwig von
Knebel. Mayland d. 24. May 88.
… Erst heute hat mich die Mineralogie wieder
einmal angelächelt. Ich war beym Vater Pini und sah seine Berge kristallisirten
Feldspaths und ward wieder einmal nach einem Stück Stein lüstern. Er hat mir
einiges versprochen, es ist ein guter behaglicher Mann.
Freitag, 21. Februar 2020
An den Herzog Carl
August
Rom d. 29. Dec.
87.
Von allen Seiten
höre ich daß es Ihnen wohl geht, daß Sie im Haag vergnügt sind und der
Kriegshimmel sich aufgeheitert hat. Das Glück bey Frauen das Ihnen niemals
gefehlt hat, wird Sie auch in Holland nicht verlassen und Sie dafür schadloß
halten, daß Sie die schöne Emilie in Ihrem Hause versäumt haben.
Mich hat der süße
kleine Gott in einen bösen Weltwinckel relegirt. Die öffentlichen Mädchen der
Lust sind unsicher wie überall. Die Zitellen (unverheurathete Mädchen) sind
keuscher als irgendwo, sie lassen sich nicht anrühren und fragen gleich, wenn
man artig mit ihnen thut: e che concluderemo? Denn entweder man soll sie
heurathen oder sie verheurathen und wenn sie einen Mann haben, dann ist die
Messe gesungen. Ja man kann fast sagen, daß alle verheurathete Weiber dem zu
Gebote stehn, der die Familie erhalten will. Das sind denn alles böse
Bedingungen und zu naschen ist nur bey denen, die so unsicher sind als
öffentliche Creaturen. Was das Herz betrifft; so gehört es gar nicht in die
Terminologie der hiesigen Liebeskanzley.
Nach diesem
Beytrag zur statistischen Kenntniß des Landes werden Sie urtheilen, wie knapp
unsre Zustände seyn müßen und werden ein sonderbar Phenomen begreifen, das
ich nirgends so starck als hier gesehen habe, es ist die Liebe der Männer
untereinander. Vorausgesetzt daß sie selten biß zum höchsten Grab der
Sinnlichkeit getrieben wird, sondern sich in den mittlern Regionen der Neigung
und Leidenschafft verweilt; so kann ich sagen, daß ich die schönsten
Erscheinungen davon, welche wir nur aus griechischen Überlieferungen haben, hier mit eignen Augen sehen und als ein
aufmercksamer Naturforscher, das phisische und moralische davon beobachten
konnte. Es ist eine Materie von der sich kaum reden, geschweige schreiben läßt,
sie sey also, zu künftigen Unterhaltungen aufgespart.
Dienstag, 18. Februar 2020
In Goethes Betragen gegen Fichte sehen wir also keineswegs die häßlichen
Motive, die von manchen Zeitgenossen mit noch häßlicheren Worten bezeichnet
worden. Sie hatten die verschiedene Natur beider Männer nicht begriffen. Die
Mildesten mißdeuteten die Passivität Goethes, als später Fichte stark bedrängt
und verfolgt wurde. Sie berücksichtigten nicht Goethes Lage. Dieser Riese war
Minister in einem deutschen Zwergstaate. Er konnte sich nie natürlich bewegen.
Man sagte von dem sitzenden Jupiter des Phidias zu Olympia, daß er das
Dachgewölbe des Tempels zersprengen würde, wenn er einmal plötzlich aufstünde.
Dies war ganz die Lage Goethes zu Weimar; wenn er aus seiner stillsitzenden
Ruhe einmal plötzlich in die Höhe gefahren wäre, er hätte den Staatsgiebel
durchbrochen, oder, was noch wahrscheinlicher, er hätte sich daran den Kopf
zerstoßen. Und dieses sollte er riskieren für eine Lehre, die nicht bloß irrig,
sondern auch lächerlich? Der deutsche Jupiter blieb ruhig sitzen und ließ sich
ruhig anbeten und beräuchern.
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