Mich hat der süße
kleine Gott in einen bösen Weltwinckel relegirt. Die öffentlichen Mädchen der
Lust sind unsicher wie überall. Die Zitellen (unverheurathete Mädchen) sind
keuscher als irgendwo, sie lassen sich nicht anrühren und fragen gleich, wenn
man artig mit ihnen thut: e che concluderemo? Denn entweder man soll sie
heurathen oder sie verheurathen und wenn sie einen Mann haben, dann ist die
Messe gesungen. Ja man kann fast sagen, daß alle verheurathete Weiber dem zu
Gebote stehn, der die Familie erhalten will. Das sind denn alles böse
Bedingungen und zu naschen ist nur bey denen, die so unsicher sind als
öffentliche Creaturen. Was das Herz betrifft; so gehört es gar nicht in die
Terminologie der hiesigen Liebeskanzley.
Freitag, 21. Februar 2020
Nach diesem
Beytrag zur statistischen Kenntniß des Landes werden Sie urtheilen, wie knapp
unsre Zustände seyn müßen und werden ein sonderbar Phenomen begreifen, das
ich nirgends so starck als hier gesehen habe, es ist die Liebe der Männer
untereinander. Vorausgesetzt daß sie selten biß zum höchsten Grab der
Sinnlichkeit getrieben wird, sondern sich in den mittlern Regionen der Neigung
und Leidenschafft verweilt; so kann ich sagen, daß ich die schönsten
Erscheinungen davon, welche wir nur aus griechischen Überlieferungen haben, hier mit eignen Augen sehen und als ein
aufmercksamer Naturforscher, das phisische und moralische davon beobachten
konnte. Es ist eine Materie von der sich kaum reden, geschweige schreiben läßt,
sie sey also, zu künftigen Unterhaltungen aufgespart.
Dienstag, 18. Februar 2020
In Goethes Betragen gegen Fichte sehen wir also keineswegs die häßlichen
Motive, die von manchen Zeitgenossen mit noch häßlicheren Worten bezeichnet
worden. Sie hatten die verschiedene Natur beider Männer nicht begriffen. Die
Mildesten mißdeuteten die Passivität Goethes, als später Fichte stark bedrängt
und verfolgt wurde. Sie berücksichtigten nicht Goethes Lage. Dieser Riese war
Minister in einem deutschen Zwergstaate. Er konnte sich nie natürlich bewegen.
Man sagte von dem sitzenden Jupiter des Phidias zu Olympia, daß er das
Dachgewölbe des Tempels zersprengen würde, wenn er einmal plötzlich aufstünde.
Dies war ganz die Lage Goethes zu Weimar; wenn er aus seiner stillsitzenden
Ruhe einmal plötzlich in die Höhe gefahren wäre, er hätte den Staatsgiebel
durchbrochen, oder, was noch wahrscheinlicher, er hätte sich daran den Kopf
zerstoßen. Und dieses sollte er riskieren für eine Lehre, die nicht bloß irrig,
sondern auch lächerlich? Der deutsche Jupiter blieb ruhig sitzen und ließ sich
ruhig anbeten und beräuchern.
Sonntag, 9. Februar 2020
Sie hatte in diesem Augenblick, in dem sich die übrige Gesellschaft in die andern Zimmer gezogen zu haben scheint, benutzt, ihm mit begeisterter Seele und grosser Lebhaftigkeit den Vorwurf zu machen, dass er ihr ernstes Streben nach Bildung so ganz unberücksichtigt gelassen habe. Goethe hatte - ohne Zweifel in der Annahme, dass ihr gegenwärtiger Zustand der Seele nur Moment sei, erwidert: „Der Mond ist nur für einen Augenblick voll.“
Donnerstag, 6. Februar 2020
Samstag, 1. Februar 2020
Nach
Reinholds Abgang von Jena, der mit Recht als ein großer Verlust für die
Akademie erschien, war mit Kühnheit, ja Verwegenheit, an seine Stelle Fichte
berufen worden, der in seinen Schriften sich mit Großheit, aber vielleicht
nicht ganz gehörig über die wichtigsten Sitten- und Staatsgegenstände erklärt
hatte. Er war eine der tüchtigsten Persönlichkeiten, die man je gesehen, und an
seinen Gesinnungen im höheren Betracht nichts auszusetzen; aber wie hätte er
mit der Welt, die er als seinen erschaffenen Besitz betrachtete, gleichen
Schritt halten sollen?
Da
man ihm die Stunden, die er zu öffentlichen Vorlesungen benutzen wollte, an
Werktagen verkümmert hatte, so unternahm er sonntags Vorlesungen, deren
Einleitung Hindernisse fand. Kleine und größere daraus entspringende
Widerwärtigkeiten waren kaum, nicht ohne Unbequemlichkeit der oberen Behörden,
getuscht und geschlichtet, als uns dessen Äußerungen über Gott und göttliche
Dinge, über die man freilich besser ein tiefes Stillschweigen beobachtet, von
außen beschwerende Anregungen zuzogen.
Fichte
hatte in seinem philosophischen Journal über Gott und göttliche Dinge auf eine
Weise sich zu äußern gewagt, welche den hergebrachten Ausdrücken über solche
Geheimnisse zu widersprechen schien. Er ward in Anspruch genommen; seine
Verteidigung besserte die Sache nicht, weil er leidenschaftlich zu Werke ging,
ohne Ahnung, wie gut man diesseits für ihn gesinnt sei, wiewohl man seine
Gedanken, seine Worte auszulegen wisse, welches man freilich ihm nicht gerade
mit dürren Worten zu erkennen geben konnte, und ebenso wenig wie man ihm auf
das Gelindeste herauszuhelfen gedachte. Das Hin- und Widerreden, das Vermuten
und Behaupten, das Bestärken und Entschließen wogte in vielfachen unsicheren
Reden auf der Akademie ineinander; man sprach von einem ministeriellen Vorhalt,
von nichts Geringerem als einer Art Verweis, dessen Fichte sich zu gewärtigen
hätte. Hierüber ganz außer Fassung, hielt er sich für berechtigt, ein heftiges
Schreiben beim Ministerium einzureichen, worin er jene Maßregel als gewiß
voraussetzend, mit Ungestüm und Trotz erklärte, er werde dergleichen niemals
dulden, er werde lieber ohne weiteres von der Akademie abziehen, und in solchem
Falle nicht allein, indem mehrere bedeutende Lehrer, mit ihm einstimmig, den
Ort zu verlassen gedächten.
Hierdurch
war nun auf einmal aller gegen ihn gehegte gute Wille gehemmt, ja paralysiert:
hier blieb kein Ausweg, keine Vermittlung übrig, und das Gelindeste war, ihm
ohne weiteres seine Entlassung zu erteilen. Nun erst, nachdem die Sache sich
nicht mehr ändern ließ, vernahm er die Wendung, die man ihr zu geben im Sinne
gehabt, und er mußte seinen übereilten Schritt bereuen, wie wir ihn
bedauerten.
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