Mittwoch, 10. Juli 2019

„Ihnen in Ihrer Heide“, erwiderte Goethe, „ist es freilich nicht so leicht geworden, und auch wir andern im mittleren Deutschland haben unser bißchen Weisheit schwer genug erkaufen müssen. Denn wir führen doch im Grunde alle ein isoliertes, armseliges Leben! Aus dem eigentlichen Volke kommt uns sehr wenig Kultur entgegen, und unsere sämtlichen Talente und guten Köpfe sind über ganz Deutschland ausgesät. Da sitzt einer in Wien, ein anderer in Berlin, ein anderer in Königsberg, ein anderer in Bonn oder Düsseldorf, alle durch fünfzig bis hundert Meilen voneinander getrennt, so daß persönliche Berührungen und ein persönlicher Austausch von Gedanken zu den Seltenheiten gehört. – Was dies aber wäre, empfinde ich, wenn Männer wie Alexander von Humboldt hier durchkommen und mich in dem, was ich suche und mir zu wissen nötig, in einem einzigen Tage weiter bringen, als ich sonst auf meinem einsamen Wege in Jahren nicht erreicht hätte.“

Montag, 1. Juli 2019


Als Meyer fragte, was es denn eigentlich heißen wolle, Plutonist oder Neptunist, sagte Goethe: "O danket Gott, daß Ihr nichts davon wißt, ich kann es auch nicht sagen, man könnte schon wahnsinnig werden, es nur auseinander zu setzen. Ohnehin bedeutet solch' ein Parteiname späterhin nichts mehr, löst sich in Rauch auf; die Leute wissen schon jetzt nicht mehr, was sie damit bezeichnen wollen. Ihr müßt verzeihen, wenn ich grob bin, ich schreibe jetzt eben in den Wanderjahren an der Rolle des Jarno, da spiele ich eine Weile auch im Leben den Grobian fort."

Was soll es nur hier in Weimar mit dem WitDöring werden? Man wird es schon bereuen, ihn hier zu haben; in seinen Memoiren ist kein Funke Geist. Er ist zum steten Gefängniß von der Natur bestimmt; darin spielt er seine Streiche. Wär' ich Fürst, ich ließ ihn gleich wieder verhaften, damit er in sein Element zurück käme. Gesehen und gesprochen hab' ich ihn wohl einmal, warum nicht? als Phänomen; aber ich wäre ein Lump, wenn ich ihn zum zweiten Male sähe.

Der Großherzog ergötzt sich an seinem Hiersein, um einmal wieder sich an einer Gefahr zu laben, um einmal wieder einen zahmen Wolf zu haben, der unter seinen Hunden und Schafen herum renommire.

Der Kerl hat meine Abschiedsformel an ihn: ›Sie haben selbst drucken lassen, daß Sie verführerisch seien und daß man sich nicht zu viel mit Ihnen einlassen müsse,‹ günstig für sich gedeutet; das macht mir Spaß. Nun er erregt doch; darauf kommt Alles an, sei es durch Haß oder Liebe. Man muß nur immer sorgen erregt zu werden, um gegen die Depression anzukämpfen. Das ist auch bei jetziger deprimirender Witterung der beste medicinische Rath. Wer mit mir umgehen will, muß zuweilen auch meine Grobianslaune zugeben, ertragen, wie eines andern Schwachheit oder Steckenpferd. Der alte Meyer ist klug, sehr klug; aber er geht nur nicht heraus, widerspricht mir nicht, das ist fatal. Ich bin sicher, im Innern ist er noch zehnmal zum Schimpfen geneigter als ich und hält mich noch für ein schwaches Licht. Er sollte nur aufpoltern und donnern, das gäbe ein prächtiges Schauspiel.

Mit Johanna Schopenhauer

Hier, caro amico (v. Holtei) das Opus der Voigt (Lebensgeschichte der Caroline Kummerfeld geb. Schulz) ... Die darin vorkommenden Geschichten sind toll genug; «Stella» verbürgt sich für die Wahrheit derselben, und ich, die ich die kleine, alte, sehr rechtliche Heldin noch persönlich gekannt habe, möchte es ebenfalls thun. Goethe hat mir erzählt, daß sie damals wirklich Furore gemacht, und wie er als Student zum Sterben in sie verliebt gewesen und sich im Leipziger Parterre die Hände fast wundgeklatscht habe, wenn sie in dem Weiße'schen Trauerspiel als Julia auftrat und in der Scene, ehe sie den Trank nimmt, die Ottern und Schlangen und Kröten von ihrem weißatlasnen Reifrock herunterschlenkerte, die sie in ihrer Phantasie daran heraufkriechen sah.

Sonntag, 16. Juni 2019


Seine Pietät für Schiller war eine so innerlich tiefe, daß man davon wahrhaft ergriffen werden mußte. Ich hatte, als über ›Egmont‹ gesprochen wurde, einst die Bearbeitung, die Schiller für's Theater unternommen, zu tadeln gewagt und mein Erstaunen geäußert, daß sie noch immer auf der Weimarischen Bühne gelte. Den Blick des Alten werd' ich nie vergessen, mit dem er mich anblitzte und fast grimmig sagte: «Was wißt Ihr, Kinder! Das hat unser großer Freund besser verstanden, als wir.»

Freitag, 14. Juni 2019


Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

Montag, 10. Juni 2019


So begab es sich denn, daß er mich einmal nach dem Mittagsessen in eine Fensterbrüstung manoeuvrirte und in seiner eigenthümlichen unbeschreiblichen Manier also sprach: «Nun, Sie haben sich ja bisher (beim Vorlesen von Dramen) recht brav gehalten, wie ich hörte. Sie müssen sich nicht wundern, daß ich Sie noch nicht gebeten habe, mir Ihre Sachen vorzumachen; ich habe Gründe dazu. Ihnen wird nicht fremd sein, daß wir zu unserer Zeit uns auch mit dergleichen beschäftigt und viel darüber gedacht haben; nun hat man sich denn seine Ansichten über Declamation, Recitation, theatralischen Vortrag und besonders über die scharfen Unterscheidungen, die den Vorleser von Darsteller trennen, festgestellt, und da kommen denn die jungen Leute und werfen das alles über den Haufen. Nun, das ist ja recht schön! aber von uns Alten könnt Ihr nicht verlangen, daß wir sogleich ohne weiteres nachgeben sollen. Also ich sehe nur zwei Auswege: entweder Sie gewinnen mich für Ihre Künste – dann zwingen Sie mich, auf's neue darüber zu denken, und das würde mich stören; denn wir haben noch viel zu thun; oder es gelingt Ihnen nicht, mich irre zu machen und Sie befriedigen mich nicht – dann hätten wir beide keine Freude davon. Also denk ich, es sei besser, es bleibt, wie es ist. – Nun, wie gefällt es Ihnen in Weimar? Nicht wahr, es steckt viel Bildung in dem Orte? Wir haben denn auch wohl das unsere dazu gethan.»

«Ew. Excellenz!» sagte ich fest; denn jetzt wollte ich doch etwas Positives mitnehmen: «ich soll morgen, die zu ›Faust‹ gehörige ›Helena‹ vorlesen: ich habe mir zwar alle Mühe damit gegeben, aber alles verstehe ich doch nicht. Möchten Sie mir nicht z.B. erklären, was eigentlich damit gemeint sei, wenn Faust an Helena's Seite die Landgebiete an einzelne Heerführer vertheilt? Ob eine bestimmte Andeutung. - « Er ließ mich nicht ausreden, sondern unterbrach mich sehr freundlich: «Ja, ja, ihr guten Kinder! wenn Ihr nur nicht so dumm wäret!» Hierauf ließ er mich stehen.

Mittwoch, 5. Juni 2019


Fahrt nur fort, nach eurer Weise
Die Welt zu überspinnen!
Ich in meinem lebendigen Kreise
Weiss das Leben zu gewinnen.


Donnerstag, 30. Mai 2019


"Du Kräftiger, sei nicht so still,
Wenn auch sich andere scheuen."
Wer den Teufel erschrecken will,
Der muss laut schreien.