Mittwoch, 17. April 2019
Dienstag, 16. April 2019
Durch
diese beiden Freunde ward ich denn auch gar bald mit Merck bekannt, dem ich
durch Herdern, von Straßburg aus, nicht ungünstig angekündigt war. Dieser eigne
Mann, der auf mein Leben den größten Einfluß gehabt, war von Geburt ein
Darmstädter. Von seiner früheren Bildung wüßte ich wenig zu sagen. Nach
vollendeten Studien führte er einen Jüngling nach der Schweiz, wo er eine
Zeitlang blieb, und beweibt zurückkam. Als ich ihn kennen lernte, war er
Kriegszahlmeister in Darmstadt. Mit Verstand und Geist geboren, hatte er sich
sehr schöne Kenntnisse, besonders der neueren Literaturen, erworben, und sich
in der Welt- und Menschengeschichte nach allen Zeiten und Gegenden umgesehn.
Treffend und scharf zu urteilen war ihm gegeben. Man schätzte ihn als einen
wackern entschlossenen Geschäftsmann und fertigen Rechner. Mit Leichtigkeit
trat er überall ein, als ein sehr angenehmer Gesellschafter für die, denen er
sich durch beißende Züge nicht furchtbar gemacht hatte.
Er
war lang und hager von Gestalt, eine hervordringende spitze Nase zeichnete sich
aus, hellblaue, vielleicht graue Augen gaben seinem Blick, der aufmerkend hin
und wider ging, etwas Tigerartiges. Lavaters »Physiognomik« hat uns sein Profil
aufbewahrt. In seinem Charakter lag ein wunderbares Mißverhältnis: von Natur
ein braver, edler, zuverlässiger Mann, hatte er sich gegen die Welt erbittert,
und ließ diesen grillenkranken Zug dergestalt in sich walten, daß er eine
unüberwindliche Neigung fühlte, vorsätzlich ein Schalk, ja ein Schelm zu sein.
Verständig, ruhig, gut in einem Augenblick, konnte es ihm in dem andern
einfallen, wie die Schnecke ihre Hörner hervorstreckt, irgend etwas zu tun, was
einen andern kränkte, verletzte, ja was ihm schädlich ward.
Doch
wie man gern mit etwas Gefährlichem umgeht, wenn man selber davor sicher zu
sein glaubt, so hatte ich eine desto größere Neigung, mit ihm zu leben und
seiner guten Eigenschaften zu genießen, da ein zuversichtliches Gefühl mich
ahnden ließ, daß er seine schlimme Seite nicht gegen mich kehren werde. Wie er
sich nun, durch diesen sittlich unruhigen Geist, durch dieses Bedürfnis, die
Menschen hämisch und tückisch zu behandeln, von einer Seite das gesellige Leben
verdarb, so widersprach eine andere Unruhe, die er auch recht sorgfältig in
sich nährte, seinem innern Behagen. Er fühlte nämlich einen gewissen
dilettantischen Produktionstrieb, dem er um so mehr nachhing, als er sich in
Prosa und Versen leicht und glücklich ausdrückte, und unter den schönen
Geistern jener Zeit eine Rolle zu spielen gar wohl wagen durfte.
Ich
besitze selbst noch poetische Episteln von ungemeiner Kühnheit, Derbheit und
Swiftischer Galle, die sich durch originelle Ansichten der Personen und Sachen
höchlich auszeichnen, aber zugleich mit so verletzender Kraft geschrieben sind,
daß ich sie nicht einmal gegenwärtig publizieren möchte, sondern sie entweder
vertilgen, oder als auffallende Dokumente des geheimen Zwiespalts in unserer
Literatur der Nachwelt aufbewahren muß. Daß er jedoch bei allen seinen Arbeiten
verneinend und zerstörend zu Werke ging, war ihm selbst unangenehm, und er sprach
es oft aus, er beneide mich um meine unschuldige Darstellungslust, welche aus
der Freude an dem Vorbild und dem Nachgebildeten entspringe.
Mittwoch, 10. April 2019
Wie
selig kann man seine Freunde preisen die wenigstens das Unheil nicht mit Augen
sehen das in dieser Gegend und nun auch in dem unglücklichen Maynz angerichtet
wird. Ihre gütigen Briefe zeigen mir Sie auf dem gewöhnlichen ruhigen, obgleich
mitunter beschwerlichen Pfade der bürgerlichen Geschäfte und des häußlichen Lebens,
möge ein gutes Geschick Sie lange drauf erhalten.
Mich
wandelt in meiner jetzigen Lage eine Art Stupor an und ich finde den trivialen
Ausdruck: der Verstand steht mir still,
trefflich um die Lage meines Geistes auszudrucken. …
Seit
dem Anfange der eigentlichen Belagrung haben unsre Jäger auf ihrem gewöhnlichen
Posten weniger Gefahr als vorher. Es wollte einigen gar nicht schmecken. Einer
der sich ziemlich gut gehalten hat Nahmens Blumenstein hat um den Trauschein
gebeten, er lebt schon lange mit einem Mädchen die Güntherinn heißt. Durchl.
sind geneigt ihm zu willfahren, hätten Sie wohl die Gütigkeit zu sorgen? daß
dem Mädchen das er schwanger zurückgelassen biß zu seiner Rückkunft von
Stadtraths wegen kein Leid geschehe. Es gehen jetzt soviel Weltbürger zu Grunde
daß man den neu eintretenden wohl ihre Ankunft facilitiren kann.
Samstag, 30. März 2019
Mittwoch, 27. März 2019
Jedem
Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das Kind erscheint als
Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem Dasein der Birnen und Aepfel
als von dem seinigen. Der Jüngling, von inneren Leidenschaften bestürmt, muss
auf sich selbst merken, sich vorfühlen: er wird zum Idealisten umgewandelt.
Dagegen ein Skeptiker zu werden hat der Mann alle Ursache; er tut wohl zu
zweifeln, ob das Mittel, das er zum Zwecke gewählt hat, auch das rechte sei.
Vor dem Handeln, im Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich zu
erhalten, damit er nicht nachher über eine falsche Wahl sich zu betrüben habe.
Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen. Er sieht, dass so
vieles vom Zufall abzuhängen scheint: das Unvernünftige gelingt, das Vernünftige
schlägt fehl, Glück und Unglück stellen sich unerwartet ins Gleiche; so ist es,
so war es, und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der da war, und
der immer da sein wird.
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