Es ist wahr, man
tut nur wenig Schritte, ohne einem sehr übel gekleideten, ja sogar einem
zerlumpten Menschen zu begegnen, aber dies ist deswegen noch kein Faulenzer,
kein Tagedieb! Ja, ich möchte fast das Paradoxon aufstellen, dass zu Neapel
verhältnismäßig vielleicht noch die meiste Industrie in der ganz niedern Klasse
zu finden sei. Freilich dürfen wir sie nicht mit einer nordischen Industrie
vergleichen, die nicht allein für Tag und Stunde, sondern am guten und heitern
Tag für den bösen und trüben, im Sommer für den Winter zu sorgen hat. Dadurch,
dass der Nordländer zur Vorsorge, zur Einrichtung von der Natur gezwungen wird,
dass die Hausfrau einsalzen und räuchern muss, um die Küche das ganze Jahr zu
versorgen, dass der Mann den Holz- und Fruchtvorrat, das Futter für das Vieh
nicht aus der Acht lassen darf usw., dadurch werden die schönsten Tage und
Stunden dem Genuss entzogen und der Arbeit gewidmet. Mehrere Monate lang
entfernt man sich gern aus der freien Luft und verwahrt sich in Häusern vor
Sturm, Regen, Schnee und Kälte; unaufhaltsam folgen die Jahreszeiten
aufeinander, und jeder, der nicht zugrunde gehen will, muss ein Haushälter
werden. Denn es ist hier gar nicht die Frage, ob er entbehren wolle; er darf
nicht entbehren wollen, er kann nicht entbehren wollen, denn er kann nicht
entbehren; die Natur zwingt ihn zu schaffen, vorzuarbeiten.
Freitag, 10. August 2018
Gewiss haben diese
Naturwirkungen, welche sich Jahrtausende gleich bleiben, den Charakter der in
so manchem Betracht ehrwürdigen nordischen Nationen bestimmt. Dagegen
beurteilen wir die südlichen Völker, mit welchen der Himmel so gelinde umgegangen
ist, aus unserm Gesichtspunkte zu streng. Was Herr von Pauw in seinen
„Recherches sur les Grecs“ bei Gelegenheit, da er von den zynischen Philosophen
spricht, zu äußern wagt, passt völlig hierher. Man mache sich, glaubt er, von
dem elenden Zustand solcher Menschen nicht den richtigsten Begriff; ihr
Grundsatz, alles zu entbehren, sei durch ein Klima sehr begünstigt, das alles
gewährt. Ein armer, uns elend scheinender Mensch könne in den dortigen Gegenden
die nötigsten und nächsten Bedürfnisse nicht allein befriedigen, sondern die
Welt aufs schönste genießen; und ebenso möchte ein so genannter
neapolitanischer Bettler die Stelle eines Vizekönigs in Norwegen leicht
verschmähen und die Ehre ausschlagen, wenn ihm die Kaiserin von Russland das
Gouvernement von Sibirien übertragen wollte.
Mittwoch, 1. August 2018
Triebe mich nicht die
deutsche Sinnesart und das Verlangen, mehr zu lernen und zu tun als zu
genießen, so sollte ich in dieser Schule des leichten und lustigen Lebens noch
einige Zeit verweilen und mehr zu profitieren suchen. Es ist hier gar
vergnüglich sein, wenn man sich nur ein klein wenig einrichten könnte.
Dienstag, 24. Juli 2018
Plinius im fünften
Kapitel des dritten Buchs seiner »Naturgeschichte« hält Kampanien allein einer
weitläufigen Beschreibung wert. »So glücklich, anmutig, selig sind jene
Gegenden«, sagt er, »daß man erkennt, an diesem Ort habe die Natur sich ihres
Werks erfreut. Denn diese Lebensluft, diese immer heilsame Milde des Himmels,
so fruchtbare Felder, so sonnige Hügel, so unschädliche Waldungen, so schattige
Haine, so nutzbare Wälder, so luftige Berge, so ausgebreitete Saaten, solch
eine Fülle von Reben und Ölbäumen, so edle Wolle der Schafe, so fette Nacken
der Stiere, so viel Seen, so ein Reichtum von durchwässernden Flüssen und
Quellen, so viele Meere, so viele Hafen! Die Erde selbst, die ihren Schoß
überall dem Handel eröffnet und, gleichsam dem Menschen nachzuhelfen begierig,
ihre Arme in das Meer hinausstreckt.
Ich erwähne nicht
die Fähigkeiten der Menschen, ihre Gebräuche, ihre Kräfte und wie viele Völker
sie durch Sprache und Hand überwunden haben.
Mittwoch, 18. Juli 2018
Dein Büchlein war
mir willkommen, weil ich nach deiner Ankündigung daraus deine Überzeugung, die
sich in früheren und späteren Tagen gleich geblieben, und zu eben der Zeit den
eigentlichen statum controversiae so mancher philosophischen Streitigkeiten
erfahren sollte, deren wunderlichen decurs ich, mit mehr oder weniger
Aufmerksamkeit, selbst erlebt hatte. Diesen Gewinn habe ich nun auch davon und
soll dir dagegen der gebührende dank abgestattet seyn. ich würde jedoch die
alte Reinheit und Aufrichtigkeit verletzten, wenn ich dir verschweige, daß mich
das Büchlein ziemlich indisponirt hat. ich bin nun einmal einer der Ephesischen
Goldschmiede, der sein ganzes Leben in Anschauen und Anstaunen und Verehrung
des wunderwürdigen Tempels der Göttin und in Nachbildung ihrer geheimnisvollen
Gestalten zugebracht hat, und dem es unmöglich eine angenehme Empfindung
erregen kann, wenn irgend ein Apostel seinen Mitbürgern einen und noch dazu
formlosen Gott aufdringen will. Hätte ich daher irgend eine ähnliche Schrift
zum Preis der großen Artemis herauszugeben, (welches jedoch meine Sache nicht
ist, weil ich zu denen gehöre, die selbst gern ruhig seyn mögen und auch das
Volk nicht aufregen wollen,) so hätte auf der Rückseite des Titelblatts stehen
müssen: »Man lernt nichts kennen, als was man liebt, und je tiefer und
vollständiger die Kenntniß werden soll, desto stärker, kräftiger und lebendiger
muß Liebe, ja Leidenschaft seyn.«
Du erlässest mir,
wie billig, eine weitere Ausführung dieses Textes, denn da du deine Seite so
gut kennst, so weißt du auch alles, was die anderen zu sagen haben.
Ich für mich kann,
bey den mannigfaltigen Richtungen meines Wesens, nicht an einer Denkweise genug
haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als
Naturforscher, und eins so entschieden als das andre. Bedarf ich eines Gottes
für meine Persönlichkeit, als sittlicher Mensch, so ist dafür auch schon
gesorgt. Die himmlischen und irdischen Dinge sind ein so weites Reich, daß die
Organe aller Wesen zusammen es nur erfassen mögen.
Siehst du so steht
es mit mir, und so wirke ich nach Innen und Außen immer im Stillen fort, mag
auch gern, daß ein jeder das Gleiche thue. Nur wenn dasjenige, was mir zu
meinem Daseyn und Wirken unentbehrlich ist, von andern als untergeordnet,
unnütz oder schädlich behandelt wird, dann erlaube ich mir, einige Augenblicke
verdrießlich zu seyn und auch dieß vor meinen Freunden und Nächsten nicht zu
verbergen. Das geht aber gleich vorüber, und wenn ich auch eigensinnig auf
meine Weise fortwirke, so hüte ich mich doch vor aller Gegenwirkung, wie sonst,
so auch jetzt.
Donnerstag, 12. Juli 2018
Samstag, 23. Juni 2018
Der Dichter wird
als Mensch und Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner
poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne,
das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist, und
das er ergreift und bildet, wo er es findet. Er ist darin dem Adler gleich, der
mit freiem Blick über Ländern schwebt und dem es gleichviel ist, ob der Hase,
auf den er hinabschießt, in Preußen oder in Sachsen läuft.
Und was heißt
denn: sein Vaterland lieben, und was heißt denn: patriotisch wirken? Wenn ein
Dichter lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurteile zu bekämpfen,
engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen
Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Denkweise zu veredeln, was
soll er denn da Besseres tun? und wie soll er denn da patriotischer wirken? - An einen Dichter so ungehörige und undankbare Anforderungen zu machen, wäre
ebenso, als wenn man von einem Regimentschef verlangen wolle: er müsse, um ein
rechter Patriot zu sein, sich in politische Neuerungen verflechten und darüber
seinen nächsten Beruf vernachlässigen. Das Vaterland eines Regimentschefs aber
ist sein Regiment, und er wird ein ganz vortrefflicher Patriot sein, wenn er
sich um politische Dinge gar nicht bemüht, als soweit sie ihn angehen, und wenn
er dagegen seinen ganzen Sinn und seine ganze Sorge auf die ihm untergebenen
Bataillons richtet und sie so gut einzuexerzieren und in so guter Zucht und
Ordnung zu erhalten sucht, daß sie, wenn das Vaterland einst in Gefahr kommt,
als tüchtige Leute ihren Mann stehen.
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