Mittwoch, 17. Mai 2017
Leider
wird dieser fast so unbeschreiblich als unerträgliche Zustand von vielen wohl
verstanden werden, die wie unser Freund, sich für außerordentliche physische
und moralische Phänomene ansehen, und jene Bewegungen, die sie zerreißend
beunruhigen, der Gewalt ihres Herzens der Kraft ihres Geistes zuschreiben; da
sie doch mit etwas mehr Ordnung in ihrer Diät, mit etwas mehr Natur in ihrem
Genüsse, zu ihrer eigenen und zu der Ihrigen Zufriedenheit recht ordentliche,
und recht natürliche Menschen werden würden. Ja erlaubt mir meine Freunde, daß
ich euch sage: Ihr erscheint mir oft,
wie kleine sachte Bäche, worein die Knaben Steine tragen, um sie rauschen zu
machen.
Freitag, 12. Mai 2017
Was ist
das mit der Philosophie und besonders mit der neuen für eine wunderliche Sache!
In sich selbst hineinzugehen, seinen eignen Geist über seinen Operationen zu
ertappen, sich ganz in sich zu verschließen, um die Gegenstände desto besser
kennenzulernen! Ist das wohl der rechte Weg? Der Hypochondrist, sieht der die
Sachen besser an, weil er immer in sich gräbt und sich untergräbt? Gewiß, diese
Philosophie scheint mir eine Art von Hypochondrie zu sein, eine falsche Art von
Neigung, der man einen prächtigen Namen gegeben hat. Verzeihen Sie einem Alten,
verzeihen Sie einem praktischen Arzte.
Donnerstag, 4. Mai 2017
Das
Gespräch fiel auf Selbstkenntniß. »Ich behaupte, der Mensch kann sich nie
selbst kennen lernen, sich nie rein als Object betrachten. Andre kennen mich
besser als ich mich selbst. Nur meine Bezüge zur Außenwelt kann ich kennen und
richtig würdigen lernen, darauf sollte man sich beschränken. Mit allem Streben
nach Selbstkenntniß, das die Priester, das die Moral uns predigen, kommen wir
nicht weiter im Leben, gelangen weder zu Resultaten noch zu wahrer innerer
Besserung. Doch will ich diese Ansicht nicht eben für ein Evangelium ausgeben.
Was sind travers? Falsche Stellungen zur Außenwelt. Wer hat sie nicht? Jede
Lebensstufe hat die ihr eignen.«
Was am sonderbarsten war, so
geriet er durch sein beständiges Nachdenken und Insichgekehrtsein sogar auf den
Egoismus, der ihn beinahe hätte verrückt machen können.
Weil nämlich seine Träume größtenteils sehr lebhaft waren und beinahe an die Wirklichkeit zu grenzen schienen, so fiel es ihm ein, daß er auch wohl am hellen Tage träume und die Leute um ihn her, nebst allem, was er sahe, Geschöpfe seiner Einbildungskraft sein könnten.
Dies war ihm ein erschrecklicher Gedanke, und er fürchtete sich vor sich selber, sooft er ihm einfiel, auch suchte er sich dann wirklich durch Zerstreuung von diesen Gedanken loszumachen.
Das Einzelne, Abgerissene und
Zerstückte in seinem Dasein war es immer, was ihm Verdruß und Ekel erweckte.
Und dies entstand so oft, als
unter dem Druck der Umstände seine Gedanken sich nicht über den gegenwärtigen
Moment erheben konnten. – Dann war alles so unbedeutend, so leer und trocken
und nicht der Mühe des Denkens wert. –
Dieser Zustand ließ ihn immer
die Ankunft der Nacht, einen tiefen Schlummer, ein gänzliches Vergessen seiner
selbst wünschen – ihm kroch die Zeit mit Schneckenschritten fort – und er
konnte sich nie erklären, warum er in diesem Augenblicke lebte.
Diesem
großen, erhabenen und tröstlichen Gefühle so wenig als nur möglich
nachzuhängen, lehrte mich ein edler Freund, der sich mir immer näher verband;
es war der Arzt, den ich in dem Hause meines Oheims hatte kennen lernen, und
der sich von der Verfassung meines Körpers und meines Geistes sehr gut
unterrichtet hatte; er zeigte mir, wie sehr diese Empfindungen, wenn wir sie
unabhängig von äußern Gegenständen in uns nähren, uns gewissermaßen aushöhlen
und den Grund unseres Daseins untergraben. »Tätig zu sein«, sagte er, »ist des
Menschen erste Bestimmung, und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen
genötigt ist, sollte er anwenden, eine deutliche Erkenntnis der äußerlichen Dinge
zu erlangen, die ihm in der Folge abermals seine Tätigkeit erleichtert.«
Donnerstag, 20. April 2017
Wenn Goethe sich im Gespräch erschliesst, ist er gewöhnlich guter Laune, und er legt Wert darauf, seine Ansichten in einer möglichst originellen Form vorzubringen. Die Wahrheit liegt ihm am Herzen, aber je fester er von der Richtigkeit seiner Worte überzeugt ist, um so lieber kleidet er sie in ein Paradoxon.
HIPPIAS. Ein Träumender, ein
Kranker, ein Wahnwitziger sieht, und doch ist das nicht, was er sieht.
AGATHON. Weil er in diesem Zustande nicht recht sehen kann.
HIPPIAS. Wie kannst du beweisen,
daß du nicht gerad in diesem Punct krank bist? Frage die Ärzte; man kann in
einem einzigen Stück wahnwitzig, und in allen Übrigen klug sein; so wie eine
Laute bis auf eine einzige falsche Saite wohl gestimmt sein kann. Der rasende
Ajax sieht zwo Sonnen, ein doppeltes Thebe. Was für ein untrügliches
Kennzeichen hast du, das Wahre von dem was nur scheint; das was du würklich empfindest,
von dem was du dir nur einbildest; das was du richtig empfindest, von dem was
eine verstimmte Nerve dich empfinden macht, zu unterscheiden? Und wie, wenn
alle Empfindung betröge, und nichts von allem was ist, so wäre, wie du es
empfindest?
AGATHON. Darum bekümmere ich mich
wenig. Gesetzt, die Sonne sei nicht so, wie ich sie sehe und fühle; für mich
ist sie darum nicht minder so, wie ich sie sehe und fühle, und das ist für mich
genug. Ihr Einfluß in das System aller meiner übrigen Empfindungen ist darum
nicht weniger würklich, wenn sie gleich nicht so ist, wie sie sich meinen
Sinnen darstellt, ja wenn sie gar nicht ist.
HIPPIAS. Die Anwendung hievon, wenn dirs beliebt? …
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