Dienstag, 29. März 2016

Da fiel es denn recht auf, wie nötig es sei, in der Erziehung die Einbildungskraft nicht zu beseitigen, sondern zu regeln, ihr durch zeitig vorgeführte edle Bilder Lust am Schönen, Bedürfnis des Vortrefflichen zu geben. Was hilft es, die Sinnlichkeit zu zähmen, den Verstand zu bilden, der Vernunft ihre Herrschaft zu sichern, die Einbildungskraft lauert als der mächtigste Feind, sie hat von Natur einen unwiderstehlichen Trieb zum Absurden, der selbst in gebildeten Menschen mächtig wirkt und gegen alle Kultur die angestammte Roheit fratzenliebender Wilden mitten in der anständigsten Welt wieder zum Vorschein bringt. 
»Das Gastmahl der Weisen«, ein dramatisch-lyrischer Scherz, worin die verschiedenen Philosophen jene zudringlichen metaphysischen Fragen, womit das Volk sie oft belästigt, auf heitere Weise beantworten oder vielmehr ablehnen, war wohl nicht fürs Theater,

Freitag, 25. März 2016

Warum gibt uns ein einziger grosser Mensch solche Freude, ja Wonne? warum wiegt er uns Tausende auf? Weil er es ist, der zum ersten Mal die Idee eines Menschen erfüllt, und alle übrigen nur als Missrätnisse, als citra et infra jener Idee erscheinen. Was in ihnen allenfalls recht ist, ist es in einem geringeren Grade, und das Schlimme erscheint um so miserabler, als es durch das Gute nicht aufgewogen und balanciert wird.
Die kleinen Schwächen von Goethe, das was wir manchmal von ihm wegwünschten, wie geringfügig ist es gegen das Grosse, Schöne, Gute, Wahre, Rechte, was wir von ihm haben und in seinen Schriften lebt!

Dienstag, 8. März 2016


Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, daß ein Werk, dessen erste Vorstellung die ganze Seele füllen muß, in unterbrochenen, zusammengegeizten Stunden könne hervorgebracht werden. Nein, der Dichter muß ganz sich, ganz in seinen geliebten Gegenständen leben. Er, der vom Himmel innerlich auf das köstlichste begabt ist, der einen sich immer selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muß auch von außen ungestört mit seinen Schätzen in der stillen Glückseligkeit leben, die ein Reicher vergebens mit aufgehäuften Gütern um sich hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach Glück und Vergnügen rennen! Ihre Wünsche, ihre Mühe, ihr Geld jagen rastlos, und wonach? Nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat, nach dem Genuß der Welt, nach dem Mitgefühl seiner selbst in andern, nach einem harmonischen Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren Dingen.

Was beunruhiget die Menschen, als daß sie ihre Begriffe nicht mit den Sachen verbinden können, daß der Genuß sich ihnen unter den Händen wegstiehlt, daß das Gewünschte zu spät kommt und daß alles Erreichte und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung tut, welche die Begierde uns in der Ferne ahnen läßt. Gleichsam wie einen Gott hat das Schicksal den Dichter über dieses alles hinübergesetzt. Er sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche sich zwecklos bewegen, er sieht die unauflöslichen Rätsel der Mißverständnisse, denen oft nur ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt, unsäglich verderbliche Verwirrungen verursachen. Er fühlt das Traurige und das Freudige jedes Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer abzehrenden Melancholie über großen Verlust seine Tage hinschleicht oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale entgegengeht, so schreitet die empfängliche, leichtbewegliche Seele des Dichters wie die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen Übergängen stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund seines Herzens wächst die schöne Blume der Weisheit hervor, und wenn die andern wachend träumen und von ungeheuren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen geängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als ein Wachender, und das Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. Wie! willst du, daß er zu einem kümmerlichen Gewerbe heruntersteige? Er, der wie ein Vogel gebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten und seine Nahrung von Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern leicht verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am Pfluge ziehen, wie der Hund sich auf eine Fährte gewöhnen oder vielleicht gar, an die Kette geschlossen, einen Meierhof durch sein Bellen sichern?

Montag, 22. Februar 2016


Gewiss! Das Alter ist ein kaltes Fieber
Im Frost von grillenhafter Not,
Hat einer dreissig Jahr vorüber,
So ist er schon so gut wie tot.
Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen.

Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten!

Samstag, 6. Februar 2016

Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig.

Samstag, 23. Januar 2016


Goethes Klassizismus hat seinem Diskurs des Sehens, des Anblickens, der sein ganzes Werk kennzeichnet, eine ganz besondere Volte gegeben. Denn im Unterschied zur Romantik, deren entgrenzende Bildphantasie sich gewissermassen den Konsequenzen der Katastrophe nicht konkret stellte, indem sie diese ins Grenzenlose hob, ist dem klassizistischen Bewusstsein der Verlust einer jeweiligen Gegenwart durch nichts ersetzbar. In seiner klaren Konkretheit und also Verletzbarkeit verbirgt sich im Klassizismus also eine grössere Affinität zum tragischen Bewusstsein.

 

... denn dieses (das tragische Bewusstsein) begründet sich im Gefühl des Verlustes der utopischen Sphäre, und zwar in einer Radikalität, die nur Goethes Klassizismus möglich war. Warum?
Um diese Radikalität angemessen zu verstehen, ist es nötig, die Differenz von Geothes Verlusttrauer zu jener Trauer kurz anzudeuten, die das grosse Thema des deutschen Idealismus gewesen ist: die Trauer um den Verlust des Goldenen Zeitalters, das heisst die Trauer um den Verlust des Griechisch-Schönen. Es waren Friedrich Schiller und dann Hölderlin, die diesen Verlust vor allem zum Thema sowohl ihrer grossen Lyrik als auch ihres theoretischen Nachdenkens gemacht haben.     ...