Mittwoch, 14. Mai 2014
»Pah!«
sagte Goethe lachend, »als ob die Liebe etwas mit dem Verstande zu tun hätte!
Wir lieben an einem jungen Frauenzimmer ganz andere Dinge als den Verstand. Wir
lieben an ihr das Schöne, das Jugendliche, das Neckische, das Zutrauliche, den
Charakter, ihre Fehler, ihre Kapricen, und Gott weiß was alles Unaussprechliche
sonst; aber wir lieben nicht ihren Verstand. Ihren Verstand achten wir, wenn er
glänzend ist, und ein Mädchen kann dadurch in unsern Augen unendlich an Wert
gewinnen. Auch mag der Verstand gut sein, uns zu fesseln, wenn wir bereits
lieben. Allein der Verstand ist nicht dasjenige, was fähig wäre, uns zu entzünden
und eine Leidenschaft zu erwecken.«
Samstag, 3. Mai 2014
Jenes
ungestörte, unschuldige, nachtwandlerische Schaffen, wodurch allein etwas
Großes gedeihen kann, ist gar nicht mehr möglich. Unsere jetzigen Talente
liegen alle auf dem Präsentierteller der Öffentlichkeit. Die täglich an funfzig
verschiedenen Orten erscheinenden kritischen Blätter und der dadurch im
Publikum bewirkte Klatsch lassen nichts Gesundes aufkommen. Wer sich heutzutage
nicht ganz davon zurückhält und sich nicht mit Gewalt isoliert, ist verloren.
Es kommt zwar durch das schlechte, größtenteils negative ästhetisierende und
kritisierende Zeitungswesen eine Art Halbkultur in die Massen, allein dem
hervorbringenden Talent ist es ein böser Nebel, ein fallendes Gift, das den
Baum seiner Schöpfungskraft zerstört, vom grünen Schmuck der Blätter bis in das
tiefste Mark und die verborgenste Faser.
Und dann,
wie zahm und schwach ist seit den lumpigen paar hundert Jahren nicht das Leben
selber geworden! Wo kommt uns noch eine originelle Natur unverhüllt entgegen!
Und wo hat einer die Kraft, wahr zu sein und sich zu zeigen, wie er ist! Das
wirkt aber zurück auf den Poeten, der alles in sich selber finden soll, während
von außen ihn alles in Stich läßt.
Das
Gespräch wendete sich auf den ›Werther‹. »Das ist auch so ein Geschöpf,« sagte
Goethe, »das ich gleich dem Pelikan mit dem Blut meines eigenen Herzens
gefüttert habe. Es ist darin so viel Innerliches aus meiner eigenen Brust, so
viel von Empfindungen und Gedanken, um damit wohl einen Roman von zehn solcher
Bändchen auszustatten. Übrigens habe ich das Buch, wie ich schon öfter gesagt,
seit seinem Erscheinen nur ein einziges Mal wieder gelesen und mich gehütet, es
abermals zu tun. Es sind lauter Brandraketen! Es wird mir unheimlich dabei, und
ich fürchte, den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es
hervorging.«
Mittwoch, 30. April 2014
Dieser Goethe, von dem und von dem allein ich
vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne, und von ihrem Niedergang bis wieder
zu ihrem Aufgang mit Ihnen sprechen und stammeln und singen und dithyrambisieren
möchte, dessen Genius zwischen Klopstocken und mir stand, und über die Alpen
und Schneegebirge gleichsam einen Sonnenschleyer herwarf, er selbst immer mir
gegenüber, und neben und über mir, dieser Goethe hat sich gleichsam über alle
meine Ideale emporgeschwungen, die ich jemals von unmittelbarem Gefühl und
Anschaun eines grossen Genius gefasst hatte. Noch nie hätt' ich das Gefühl der
Jünger von Emmaus im Evangelio so gut exegesieren und mitempfinden können, von
dem sie sagten: »Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete?«
Machen wir ihn immer zu unserm Herrn Christus, und lassen Sie mich den letzten
seiner Jünger seyn! Er hat so viel und so vortrefflich mit mir gesprochen;
Worte des ewigen Lebens, die, so lang ich atme, meine Glaubensartikel seyn
sollen.
Er urtheilt schief, und es scheint fast, dass er es weiss, dass sein Verstand ohne langes Nachdenken nicht zuverlässig ist, denn er gibt Leuten, von denen er mutmasst, dass sich ihre Einsichten über die gemeinen erheben, lieber recht, als dass er sich die Verlegenheit über den Hals zöge, eine Materie mit ihnen durchsprechen, wobei er seine Schwäche sehen liesse.
Freitag, 25. April 2014
Der
kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die andern herbei:
»Hört ihr pochen?« sprach er. »Es ist der Schall eines Hammers, der den Fels
trifft.« – »Wir hören's«, versetzten die andern. – »Das ist Montan!« sagte er,
»oder jemand, der uns von ihm Nachricht geben kann.« – Als sie dem Schalle
nachgingen, der sich von Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine
Waldblöße und sahen einen steilen, hohen, nackten Felsen über alles
hervorragen, die hohen Wälder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel
erblickten sie eine Person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden.
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