Montag, 15. Mai 2006

Goethe grübelt jetzt gar denkreich in diesen Dingen, und jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen ist, wird äusserst interessant. So sind mir’s durch ihn die gehässigen Knochen geworden und das öde Steinreich ...

Montag, 8. Mai 2006

Er küßte ihre Hand und wollte aufstehn; aber wie im Traum das Seltsamste aus dem Seltsamsten sich entwickelnd uns überrascht, so hielt er, ohne zu wissen, wie es geschah, die Gräfin in seinen Armen, ihre Lippen ruhten auf den seinigen, und ihre wechselseitigen lebhaften Küsse gewährten ihnen eine Seligkeit, die wir nur aus dem ersten aufbrausenden Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der Liebe schlürfen.

Donnerstag, 4. Mai 2006

Wie über einen Fluß hinüber, der sie scheidet, zwei feindliche Vorposten sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg zu denken, in welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so wechselte die Gräfin mit Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure Kluft der Geburt und des Standes hinüber, und jedes glaubte an seiner Seite, sicher seinen Empfindungen nachhängen zu dürfen.    

Donnerstag, 27. April 2006

Donnerstag, 20. April 2006

 

In bürgerlichen Dingen, wo alles in einer gemessnen Ordnung geht, lässt sich weder das Gute sonderlich beschleunigen noch ein oder das andre Übel herausheben, sie müssen zusammen wie schwarz und weise Schaafe Einer Heerde unter einander zum Stalle herein und hinaus. Und was sich noch thun liese, da mangelts an Menschen, an neuen Menschen, die doch aber gleich auf der Stelle ohne Misgriff das gehörige thäten.

Samstag, 15. April 2006

 

Anstatt daß ihr bedächtig steht,
Versucht's zusammen eine Strecke;
Wißt ihr auch nicht, wohin es geht,
So kommt ihr wenigstens vom Flecke.


 

Freitag, 14. April 2006

 

Über wenige Dinge hat Goethe tiefer und origineller gedacht als über den Sinn der Umgangsformen. Er ist der Philosoph und Ethiker des Betragens, der rückschauende Lobredner der letzten „Gesellschaft“, die es in Europa, die es vielleicht überhaupt gegeben hat, sofern man wenigstens „Gesellschaft“ in ihrem ursprünglichen Sinn nimmt als Organisation der Erotik.

 

... Und darum ist die Goethesche Welt häufig einem jähen Verblassen ausgesetzt, fällt es wie Mehltau und Reif des Todes plötzlich auf ihre mittaglichen Schäferspiele, dass ihre Gestalten sich in Schatten und Lemuren wandeln. Man erinnere sich, wie z.B. Wilhelm Meisters Lehrjahre zum Schluss hin immer hölzerner, magerer und frostiger werden, um mit dem schauerlichen Symbol der Einbalsamierung der toten Mignon abzuschliessen. Man sehe in den Wanderjahren die gespenstischen Revenants aus dem ersten Teil, da denn selbst Philine dem Schicksal nicht entgeht, den Tod ihrer Jugend zu überleben. Man würdige zumal den zweiten Faust mit seinem Triumph des Gespensterhimmels, des hohlen Jenseits über die wenigstens doch farbige Hölle.

Montag, 10. April 2006

Goethe sagte zu Herder: „Ich nehme jetzt die Grundsätze meines gnädigen Herrn an, er gibt mir zu essen, es ist daher meine Schuldigkeit, dass ich seiner Meinung bin.“