Sonntag, 6. September 2026
Wo ist ein Sicherplatz gegen die Langeweile wie das Schauspielhaus, wo verbindet sich die Gesellschaft angenehmer, wo müssen die Menschen eher gestehen, daß sie Brüder sind, als wenn sie an der Gestalt, an dem Munde eines einzigen hangend alle in Einer Empfindung schwebend emporgetragen werden? Was sind Gemälde und Statuen, gegen das lebendige Fleisch von meinem Fleisch, gegen das andre Ich, das leidet, fröhlich ist, und jede gleichgestimmte Nerve in mir unmittelbar berührt? Und wo läßt sich mehr Tugend vermuten, bei dem gedrückten Bürger, der in ängstlich schmutzigem Gewerb seine Nahrung zusammen schleppt, oder bei dem, dessen Kunst, die ihm Brot gibt, zugleich die edelsten größten Gefühle der Menschheit durchdringt, der Tugend und Laster täglich in seiner Blöße studiert und darstellt, und die Schönheit und Häßlichkeit am lebhaftesten fühlen muß eh er sie andre so lebhaft empfinden lassen kann.
Freitag, 4. September 2026
Ein Mädgen das zu mehrern Liebhabern die es unter sich gebracht hat, noch einen frischen gewinnt, gleicht der Flamme, wenn auf bald verzehrte Brände ein neu Stück Holz gelegt wird. Geschäftigt schmeichelt sie dem ankommenden Liebling, leckt sich an ihm betulich hinauf, rings an ihn herum, daß er in vollem herrlichem Glanz leuchtet, ihre Gierigkeit scheint nur an ihm hinzuspielen, aber mit jedem Zuge faßt sie tiefer, und zehrt ihm das Mark bis ins Innerste aus. Bald wird er, wie seine verlaßne Nebenbuhler, am Grunde liegen, und in angeschmauchter Trauer, in sich glühend, verglimmen.
Die Natur hat uns meist so glücklich mit uns selbst verwebt, daß wir nicht leicht einen andern, seine Handlungen und Besitzungen ansehen, ohne auf uns zurückzukehren, um das Unsere, wäre es auch verhältnismäßig noch so klein, mit dem angenehmsten Vorgefühl zu genießen. Gütige Mutter, wie weise und liebreich hast du die kleine enge Haushaltung eines jeden sparsam reichlich ausgestattet.



