Montag, 15. August 2016
Er sah
sie oft im Lesen an, als wenn er diesen Eindruck sich auf ewig einprägen
wollte, und las einigemal falsch, ohne darüber in Verwirrung zu geraten, ob er
gleich sonst über die Verwechselung eines Wortes oder Buchstabens als über
einen leidigen Schandfleck einer ganzen Vorlesung verzweifeln konnte.
»Sollten
nicht«, sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, »uns in der Jugend wie im
Schlafe die Bilder zukünftiger Schicksale umschweben und unserm unbefangenen
Auge ahnungsvoll sichtbar werden? Sollten die Keime dessen, was uns begegnen
wird, nicht schon von der Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht ein
Vorgenuß der Früchte, die wir einst zu brechen hoffen, möglich sein?«
Mittwoch, 3. August 2016
In den meisten Ländern des
Morgens dämpft die Härte der Regierung alle die Triebe, die das Herz des Volkes
erhöhen sollten. In China haben die ersten Kaiser unter dem Volke die Tugend
aufgesucht, um sie dem Throne zu nähern; sie haben mit Ausschliessung ihrer
Söhne, das Zepter dem Würdigsten abgetreten; lange haben die Kaiser den Rath
der Unterthanen willig angenommen, ihre Fehler erkannt, und dem treuen Diener
den Ruhm gelassen, daß die bessern Thaten des Fürsten von seinen Warnungen
herkämen. Aber auch in China ist die alte Einfalt der Herrscher durch die
Schmeichler verdrungen; Usong gestund es. Die Belohnungen werden durch den Rath
unwürdiger Verschnittenen ausgetheilt, der obersten Mandarinen Unterdrückungen
übersehen, und das Joch auf das Volk erschweret. Noch gewinnen zuweilen die
glänzenden Beyspiele tugendhafter Kaiser, und die siegreiche Beredsamkeit alter
Weisen, das Herz eines Fürsten, und bereden ihn, sein Vergnügen, im Glücke des
Landes zu suchen. Aber das Uebel ist geschehen, das Herz des Volkes ist in den
Koth getreten, und keiner edlen Begierden mehr fähig.
»Danischmend
Danischmend!« (rief der Sultan) »was ich sagen würde? – Ich würde« – hier hielt
Seine Hoheit eine ziemliche Weile ein, und der schönen Nurmahal pochte das Herz
vor Furcht für den ehrlichen, wohl meinenden, aber, in der Tat, gar zu
unbedachtsamen Danischmend. – »Ich würde sagen«, fuhr der Sultan endlich fort,
»daß du mir den großen Fürsten auf der Stelle nennen sollst, der dies alles
getan hat.«
»Sire«,
antwortete Danischmend ganz demütig, »ich gestehe freimütig, daß ich, wofern
Ihre Hoheit Sich nicht entschließen es selbst zu sein, weder unter Ihren
Vorgängern noch unter Ihren Zeitgenossen einen kenne, der dies alles getan
hätte. Aber mein Herz sagt mir, daß die Idee eines solchen Fürsten, die ich in
diesem Augenblick, wie durch eine Art von Eingebung, auf einmal in meiner Seele
fand, kein Hirngespenst ist. Er wird kommen, und sollt es auch erst in vielen
Jahrhunderten sein; ganz gewiß wird er kommen, um zu gleicher Zeit die Ehre der
Vorsehung, der Menschheit und des Fürstenstandes zu retten, und der Trost eines
unglücklichen Zeitalters, das Vorbild der Könige, und die Liebe und Wonne aller
Menschen zu sein.«
»Gute
Nacht, Danischmend«, sagte der Sultan lächelnd: »ich sehe du rappelst. Unser
Prophet befiehlt uns, Leute in deinen Umständen mit Ehrerbietung anzusehen;
aber gleichwohl könnte, deucht mich, eine Prise Niesewurz nichts schaden,
Freund Danischmend!«
»Danischmend
hat uns die Verdorbenheit der scheschianischen Nation so groß und so allgemein
vorgestellt«, sagte die Sultanin, »daß ich nicht begreife, wo er den Mann
hernehmen will, der aus diesem Chaos eine neue Welt zu erschaffen fähig sein
sollte. Dies bin ich wenigstens gewiß, daß dieser Mann sich nicht am Hofe zu
Scheschian gebildet haben kann.«
»Es ist ein trauriges Los aller guten
Dinge in der Welt«, fing Danischmend an, als er nach einigen Tagen wieder an das
Bette Seiner Hoheit gerufen wurde, »daß sie unter den Händen der Menschen nicht
lange unbeschädigt und unverdorben bleiben können. Leider gilt dies von
Gesetzgebungen, Staatsverfassungen und Regierungen ganz vorzüglich. Wie
vollkommen auch die gesetzmäßige Verfassung eines Staats sein mag, bei
der Vollziehung kommt alles auf die Beschaffenheit der Menschen an, in
deren Händen die Gewalt ist, welche der Staat dem Fürsten, und der Fürst wieder
teilweise denen, die ihm regieren helfen sollen, anzuvertrauen genötigt ist.
Wie angelegen ließ sich's nicht der guten Tifan sein, seiner
Gesetzgebung eben dadurch die Krone der Vollkommenheit aufzusetzen, daß er ihr
die möglichste Dauerhaftigkeit zu geben suchte! Eben darum, weil er einsah, wie
sehr alles auf die sittliche Beschaffenheit der Regierten sowohl
als der Regierenden ankommt, machte er die moralische Bildung der
Scheschianer zum Hauptzweck seiner Erziehungsanstalten, und die Erhaltung der
Sitten in der möglichsten Lauterkeit zum Augenmerk aller seiner Verordnungen.
Aber eben darum, weil es unmöglich ist unter einem großen Volke die Sitten
lange unverdorben zu erhalten, konnt er mit aller seiner Vorsicht mehr nicht
bewirken, als daß es mit der sittlichen Verderbnis seines Volkes langsamer
zuging, und also der Zeitpunkt des politischen Todes, welchem sich jeder
Staat mit immer zunehmender Geschwindigkeit nähert, von dem seinigen etwas
weiter entfernt wurde, als es ohne seine Vorkehrungen geschehen wäre.
Mittwoch, 27. Juli 2016
Zu Hause aufgeräumt, meine Papiere durchgesehen
und alle alten Schaalen verbrannt. Andre Zeiten andre Sorgen. Stiller Rückblick
aufs Leben, auf die Verworrenheit, Betriebsamkeit Wissbegierde der Jugend, wie
sie überall herumschweift um etwas befriedigendes zu finden. Wie ich besonders
in Geheimnissen, dunklen Imaginativen Verhältnissen eine Wollust gefunden habe.
Wie ich alles Wissenschafftliche nur halb angegriffen und bald wieder habe
fahren lassen, wie eine Art von demütiger Selbstgefälligkeit durch alles geht
was ich damals schrieb. Wie kurzsinnig in Menschlichen und göttlichen Dingen
ich mich umgedreht habe. Wie des Thuns, auch des Zweckmäsigen Denckens und
Dichtens so wenig, wie in zeitverderbender Empfindung und Schatten
Leidenschafft gar viel Tage verthan, wie wenig mir davon zu Nuz kommen und da
die Hälfte nun des Lebens vorüber ist, wie nun kein Weeg zurückgelegt sondern
vielmehr ich nur dastehe wie einer der sich aus dem Wasser rettet und den die
Sonne anfängt wohlthätig abzutrocknen. Die Zeit dass ich im Treiben der Welt
bin seit 75 Oktbr. getrau ich noch nicht zu übersehen. Gott helfe weiter. und
gebe Lichter, dass wir uns nicht selbst so viel im Weege stehn. Lasse uns von
Morgen zum Abend das gehörige thun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen
der Dinge. Dass man nicht sey wie Menschen die den ganzen Tag über Kopfweh
klagen und gegen Kopfweh brauchen und alle Abend zu viel Wein zu sich nehmen.
Möge die Idee des reinen die sich bis auf den Bissen erstreckt den ich in Mund
nehme, immer lichter in mir werden.
Dienstag, 19. Juli 2016
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