Donnerstag, 18. Oktober 2012
Montag, 15. Oktober 2012
Es habe schon damals eine gewaltige Furcht vor dem Zustande nach dem Tode in den Köpfen der Menschen gespukt, ähnlich dem Fegfeuer-Glauben bigotter Katholiken; Lucrez sei dadurch ergrimmt, in das Extrem verfallen, von dieser Furcht durch seine Vernichtungslehre mit einem Male heilen zu wollen. Man spüre durch das ganze Lehrgedicht einen finstern, ingrimmischen Geist wandeln, der sich durchaus über die Erbärmlichkeit seiner Zeitgenossen erheben wolle. So sei es immer gewesen, auch bei Spinoza und andern Ketzern. Wären die Menschen en masse nicht so erbärmlich, so hätten die Philosophen nicht nöthig, im Gegensatz so absurd zu sein! Lucrez komme ihm in seinen abstrusen Lehrsätzen immer wie Friedrich II. vor, als dieser in der Schlacht von Collin seinen Grenadieren, die eine Batterie zu attaquiren zauderten, zurief: Ihr Hunde, wollt Ihr denn ewig leben?
Ich pries den Zufall, der ihn zum Briefwechsel über diese Vorrede verleitet habe. Da antwortete er: »was thut man denn Bedeutendes, ohne durch einzelnen Anlass aufgeregt zu sein? Die Gelegenheiten sind die wahren Musen, sie rütteln uns auf aus Träumereien und man muss es ihnen durchaus danken. Knebel hatte leider keine Collectionen über Lucrez, keine Acten, darum werde es ihm schwer, jetzt productiv und positiv zu sein. Da habe ich ganz anders gesammelt, Stösse von Excerpten und Notizen über jeden Lieblingsgegenstand.«
Wie sehr es mich ergötzt, daß dir mein Liedchen gefallen hat, glaubst du nicht, wie sehr es mich freut, einen Laut hervorzubringen, der in deine Stimmung trifft. Eben das wünscht' ich »Egmonten«, von dem du so wenig sagst und eher, daß dir daran etwas weh als wohl tut. O, wir wissen genug, daß wir eine so große Komposition schwer ganz rein stimmen können, es hat doch im Grunde niemand einen rechten Begriff von der Schwierigkeit der Kunst als der Künstler selbst.
Samstag, 13. Oktober 2012
Lass
mich ein Gleichnis brauchen. Wenn du eine glühende Masse Eisen auf dem Herde
siehst, so denkst du nicht, dass so viel Schlacken drinstecken, als sich erst
offenbaren, wenn es unter den großen Hammer kommt. Dann scheidet sich der
Unrat, den das Feuer selbst nicht absonderte, und fließt und stiebt in
glühenden Tropfen und Funken davon, und das gediegene Erz bleibt dem Arbeiter
in der Zange. Es scheint, als wenn es so eines gewaltigen Hammers bedurft habe,
um meine Natur von den vielen Schlacken zu befreien und mein Herz gediegen zu
machen. Und wieviel Unrat weiß sich auch noch da zu verstecken.
Lieben
und Hassen, Hoffen und Fürchten sind auch nur beschränkte Zustände unseres
trüben Inneren, durch welches der Geist entweder nach der Licht- oder
Schattenseite hinblickt. Blicken wir durch die trübe organische Umgebung nach
dem Lichte hin, so lieben und hoffen wir. Blicken wir nach dem Finsteren, so
hassen und fürchten wir. Beide Seiten haben ihr Anziehendes und Reizendes. Für
manche Menschen sogar die traurige mehr als die heitere.
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