Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Freitag, 30. Januar 2026
Dienstag, 27. Januar 2026
Sonntag, 25. Januar 2026
Freitag, 23. Januar 2026
Donnerstag, 15. Januar 2026
Goethe an Kleist
Ew.
Hochwohlgebornen bin ich sehr dankbar für das übersendete Stück des Phöbus. Die
prosaischen Aufsätze, wovon mir einige bekannt waren, haben mir viel Vergnügen
gemacht. Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie ist aus
einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region daß
ich mir Zeit nehmen muß mich in beide zu finden. Auch erlauben Sie mir zu sagen
(denn wenn man nicht aufrichtig sein sollte, so wäre es besser, man schwiege
gar), daß es mich immer betrübt und bekümmert, wenn ich junge Männer von Geist
und Talent sehe, die auf ein Theater warten, welches da kommen soll. Ein Jude
der auf den Messias, ein Christ der aufs neue Jerusalem, und ein Portugiese der
auf den Don Sebastian wartet, machen mir kein größeres Mißbehagen. Vor jedem
Brettergerüste möchte ich dem wahrhaft theatralischen Genie sagen: hic Rhodus,
hic salta! Auf jedem Jahrmarkt getraue ich mir, auf Bohlen über Fässer
geschichtet, mit Calderons Stücken, mutatis mutandis, der gebildeten und ungebildeten
Masse das höchste Vergnügen zu machen. Verzeihen Sie mir mein Geradezu: es
zeugt von meinem aufrichtigen Wohlwollen. Dergleichen Dinge lassen sich
freilich mit freundlichem Tournüren und gefälliger sagen. Ich bin jetzt schon
zufrieden, wenn ich nur etwas vom Herzen habe. Nächstens mehr.
Goethe.
Weimar,
den 1. Februar 1808
Samstag, 10. Januar 2026
An Heinrich Carl Abraham Eichstädt
Ew. Wohlgeboren
letztere hier zurückkehrende Sendung hat mich wirklich
betrübt, denn wen sollte es nicht schmerzen, daß ein
hohler Tageswahn hier als Urtheil und zwar als ein von Kopf zu Fuß
gewaffnetes, das Zeitalter bedrohendes Urtheil auftritt. Herr – Us scheint mir
kaum derselbe, von dem so manche geistreiche und beyfallswürdige Recension in
Ihren Blättern steht. Das Übel aber liegt freylich in der oberflächlichen
Zeitbildung, da denn alle Urtheile nach und nach nur aus dem einzelnen Menschen
und seiner augenblicklichen Stimmung hervorgehen.
Wer die Geschichte recht erkannt hat, dem wird aus
tausend Beyspielen klar seyn, daß das Vergeistigen des Körperlichen, wie das
Verkörperndes Geistigen nicht einen Augenblick geruht, sondern immer unter
Propheten, Religiosen, Dichtern, Rednern, Künstlern und Kunstgenossen hin und
her pulsirt hat; vor- und nachzeitig immer, gleichzeitig oft.
Und sollte man nicht, auf diesem höhern Standpunct,
mit unsern paar Männern auch fertig werden? Man gebe einem jeden sein
entschiedenes individuelles Talent mit Wohlwollen zu, man charakterisire es mit
Einsicht und Schärfe und zeige hinterdrein den Gebrauch und Mißbrauch
desselben, sowohl an den Originalgeistern, als an den Nachahmern, und so wird
man das Capitel sehr in die Enge bringen. Wie wollte man denn sonst eine
Dogmen- und Literargeschichte schreiben. Anstatt aber auf dem wirklich hohen
Standpunct unserer Zeit der Nachwelt vorzugreifen, die Sache abzuthun und der
Mitwelt nützlich zu seyn, so verwirrt sich der Fühlende, Denkende, Urtheilende
mit in der Tagesmenge und hilft den Staub erregen, den er löschen sollte.
Dem Übel ist indessen nicht zu steuern. Halten Ew.
Wohlgeb. so lang als möglich dergleichen Einflüsse von Ihrer Zeitschrift ab;
freylich wird es schwer seyn, weil soviel junge, thätige, vorzügliche Männer an
dieser Krankheit leiden, und vielleicht erst in zehen Jahren das Thörige und
Unglückliche davon einsehen lernen.
Verzeihen und secretiren Ew. Wohlgeb. diese meine
vielleicht hypochondrischen Äußerungen, ich wollte aber Ihr geneigtes Zutrauen, wenigstens mit
augenblicklicher Aufrichtigkeit, dankbar erwidern.
ergebenst
Weimar den 10. März 1815.
Goethe.
Dienstag, 6. Januar 2026
Montag, 5. Januar 2026
Der Menschenverstand wird mit dem gesunden Menschen rein geboren, entwickelt sich aus sich selbst und offenbart sich durch ein entschiedenes Gewahrwerden und Anerkennen des Notwendigen und Nützlichen. Praktische Männer und Frauen bedienen sich dessen mit Sicherheit. Wo er mangelt, halten beide Geschlechter, was sie begehren, für notwendig und für nützlich, was ihnen gefällt.



